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Caravaggio-Schau in München : Eine solche Lichtregie entdeckte erst wieder der Film

Ein Besucher betrachtet Bilder der Ausstellung „Utrecht, Caravaggio und Europa“. Ein Großteil der internationalen Leihgaben ist laut Pinakothek zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. Bild: dpa

Theatralische Kniffe: Die Alte Pinakothek in München zeigt die ganze Bandbreite der Werke von Caravaggio und seiner Anhänger nördlich der Alpen.

          Man kennt den Effekt von analoger Laienfotografie: Große Teile im Vordergrund, ärgerlicherweise meist die Gesichter, verschwimmen, während etwas Marginales im Hintergrund scharf hervortritt. Diesen Effekt setzten die Utrechter Maler Hendrick ter Brugghen, Gerard van Honthorst und Dirck van Baburen gezielt ein, die nun als drei von 194 möglichen Caravaggio-Nachfolgern im Fokus einer Schau in Münchens Alter Pinakothek stehen – gerade so, als wanderten sie mit Vergrößerungsgläsern über die Leinwand und zoomten dann und wann etwas heran.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Die drei kommen in jungen Jahren um 1620 in die Stadt Rom. Alle haben wie ihr schon 1610 mit nur 38 Jahren verstorbenes Vorbild Michelangelo Merisi, nach seinem Heimatort Caravaggio benannt, eine explizite Vorliebe für schummriges Licht und halbweltliches Habitat. Stets stellen sie Kerzen als künstliche und flackernde Funzellichter auf, wobei sie sich die Freiheit nehmen, in ihren im Werden begriffenen Gemälden zusätzliche, oft „irreale“ Lichtquellen zu verteilen. In den sehr wenigen Bildern mit Tageslicht nimmt dieses die wunderlichsten Färbungen und Eintrübungen an, etwa ein Goldviolett in Ter Brugghens „Der heilige Sebastian, von Irene gepflegt“ oder ein Senfgelb-Ocker in Honthorsts „Musikalischer Gesellschaft“ von 1623, auf der darüber hinaus die fehlfarbenen Gewänder der Konzertierenden in Türkis, Apricot oder Tomatenrot mit dem Hintergrund in Sachen Schrägheit konkurrieren.

          Die drei gleichnamigen Werke „Die Grablegung Christi“: von  Dirk van Baburen (links), Caravaggio (Mitte) und Nicolas Tournier (rechts).

          Auf Caravaggios riesiger „Grablegung“ aus dem Vatikan, dem Höhepunkt der Schau, hängt die rechte Hand Christi zwar nach unten in Richtung des dunklen Grabs; indem der Arm einen spannungsvollen Bogen beschreibt, wirkt sie jedoch nicht leblos tot: Caravaggio richtet ein Streiflicht auf sie und lässt die Adern des Handrückens dadurch so stark hervortreten, dass noch Leben in ihr pulsieren muss. Der Rest des Christusleibs bekommt dagegen ein sehr weiches Licht, so dass er durch diesen Weichzeichnereffekt cremeweiß wie Marmor wirkt, was die erkennbare Nähe zu Michelangelos damals schon gefeierter Marmor-Pietà im Petersdom noch vergrößert. Ter Brugghen hingegen streichelt seinen „Sebastian“ mit Licht: Die Rückenpartie des Märtyrers und die Außenseite des rechten Oberschenkels werden ebenfalls in Sfumato getaucht, aber auch die Innenseite seines linken Oberschenkels, die durch das vor ihm stehende Bein eigentlich verschattet sein müsste, von warm-orangenem Licht „belohnt“. Alles, was der Steigerung taktiler Reize dienlich ist, wird eingesetzt; Streiflicht contra Streichellicht heißt die Devise. Es herrscht in den Bildern der Utrechter eine Lichtregie, die nicht ohne Grund immer mit der von Filmen verglichen wurde.

          „Die Enthauptung Johannes des Täufers“ stammt von Gerrit von Honthorst, einem Anhänger Caravaggios.

          Doch von Anfang an. In den Jahren nach 1616 fällt eine junge Generation von Künstlern in Rom ein wie knapp hundert Jahre zuvor im Sacco di Roma die deutschen Landsknechte: Ideen plündern, Dolce Vita genießen, Unzucht treiben; sich bereichern an den verquälten Körpern der antiken Marmorstatuen wie dem Torso Belvedere, dem Rumpf eines in sich eingesackten muskulösen Herkules, der in allen möglichen Dreh- und Wendungen als enthaupteter Goliath oder Gestürzter bildlich eingesetzt wird. Aber keiner der so bekehrten Caravaggisten bleibt in Italien. Stattdessen kehren sie in ihre flämische Heimat zurück, um dort den neuerworbenen Stil kommerziell zu verwerten.

          Weil die Ausstellung nicht nur eine weitere kunsthistorische Perle im Diadem der Alten Pinakothek sein soll – obwohl den Utrechter Caravaggisten als Phänomen seit dreißig Jahren keine Einzelschau mehr in Deutschland gewidmet war –, legt der Kurator Bernd Ebert fast überbesorgt viel Wert auf die Vermittlungsarbeit gegenüber der jüngeren Generation. Auf jedes Bild haben Studenten der Musikhochschule ein eigenes Lied komponiert, durch Flashmobs auf der heiligen Theaterbühne des Münchner Marienplatzes soll ein Bewusstsein für die theatralischen Kniffe dieser malerischen Kompositionen geschaffen werden. Sechs Inszenierungen der Bayerischen Staatsoper mit je sechzig Zuschauern direkt vor den Bildern schließlich sollen diese zeitgenössisch interpretieren. Das kann wie so viele Theaterinszenierungen derzeit grausam schiefgehen, während die fünfundsiebzig Bilder gelassen mit den Schultern zucken: Sie stehen auf ewig im Kanon der Kunstgeschichte als eigenständige, immer noch rebellisch jung gebliebene Monolithe.

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