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Ausstellung in Madrid : Welche Kunst gedieh im Franco-Regime?

Von Miró bis Dalí: Das Reina-Sofía-Museum in Madrid zeigt die Kunst und Kultur zwischen 1939 und 1953. Die dreijährige Forschungsleistung trägt beeindruckende Blüten.

          5 Min.

          Hätten wir bewegliche Luftbilder vom Winter und Frühjahr 1939 in Spanien, wären darauf zwei große Menschenströme zu erkennen. Bild eins: Franco und seine Truppen ziehen am 1. April - in den folgenden vierzig Jahren mit blechernem Pathos als „Tag des Sieges“ gefeiert - in Madrid ein, der Stadt, die als letzte in die Hände der Putschisten fällt. Kurz darauf Militärparade; Kampfflugzeuge durchschneiden in Formation den Himmel, jubelndes Volk am Rand des Paseo de la Castellana.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Bild zwei: Östlich von Barcelona, das Ende Januar ebenfalls von den Nationalisten eingenommen worden ist, schleppt sich ein riesiger Flüchtlingstreck von Republikanern über die Grenze, um der Rache des neuen Regimes zu entgehen. Die Besiegten, oft mit Maultierkarren, auf denen ihre Habe zusammengeschnürt ist, enden vorläufig in südfranzösischen Konzentrationslagern, bevor es - mit Glück - weitergeht nach Mexiko, Argentinien, Chile oder Nordamerika. Im Frühjahr 1939 passieren mehr als 400.000 spanische Flüchtlinge die Landesgrenze und zerstreuen sich in alle Welt.

          Die Ausstellung über Kunst und Macht in den frühen Jahren des Franquismus (1939 bis 1953), die das Reina-Sofía-Museum jetzt in Madrid zeigt, spielt mit Bildern (Antonio Clavé), Fotos (Robert Capa) und Filmen aus europäischen Archiven immer wieder auf diese große Menschenbewegungen an: Die einen kommen, die anderen gehen. Die Trennung der Welt in einen linken und einen rechten Extremismus hat die erste Probeinszenierung erlebt. Und zurück bleibt ein zerstörtes, um Jahrzehnte zurückgeworfenes Land, dem im Inneren eine Hälfte fehlt.

          Eine fast lautloses miteinander Ringen

          Bemerkenswert an diesem Bild ist, dass es den Regimewechsel und die folgende Diktatur fern ideologischer Kampfbegriffe versteht. Dies ist keine Schau, um noch einmal der gescheiterten spanischen Republik zu gedenken oder den autoritären Franco-Staat zu geißeln, sondern die ästhetische Bestandsaufnahme einer Zeit, die sich triumphal gab und doch von Hunger, Ruinen und Depression gezeichnet war. Diese Wahrheit war nicht wegzujubeln. „Campo cerrado“ (geschlossenes Feld), nach dem Romantitel des ins mexikanische Exil geflohenen Max Aub, nennt sich die Ausstellung im Haupttitel - und tut doch alles, um zu beweisen, dass dieses Feld offener und durchlässiger war, als man gemeinhin glaubt.

          Das hat auch mit der schieren Dauer der Diktatur zu tun. Spanier rechnen ihre „Nachkriegszeit“ von 1939 an, ein Zeichen dafür, dass der Zweite Weltkrieg im nationalen Bewusstsein nur eine untergeordnete Rolle spielt. Umso leichter fiel es Franco-Nostalgikern in den letzten Jahren, das Taktieren des spanischen Diktators vor Hitler als historischen Weitblick zu verkaufen. Die Kunstproduktion Spaniens nach Francos Machtergreifung bietet dagegen ein differenzierteres Bild: Während die meisten bedeutenden Vertreter - Antonio Machado, Ramón J. Sender, Luis Buñuel, Luis Cernuda - ins Exil gehen und sich mit mehr oder weniger Erfolg am Kulturleben des Gastlandes beteiligen, bleibt in Spanien eine Kunstszene zurück, in der die ästhetischen Vorstellungen fast lautlos miteinander ringen.

          Defizite auf allen Ebenen

          Neben dem offiziösen Programm des Nationalkatholizismus, das linke Ideen verteufelt und als zentrale Botschaft die „Rekonstruktion“ eines idealisierten, von den „Roten“ zerstörten Spaniens anmahnt, behaupten sich zarte Pflänzchen der Avantgarde und zwingen die Ideologen des Regimes im Lauf der Zeit, sich ihrerseits zu modernisieren. Die Kultur der vierziger Jahre, so die These der Kuratorin María Dolores Jiménez-Blanco, war zwar von Angst und Schweigen geprägt, doch kein völlig wüstes Land; „sie atmete noch“ und bildete die Grundlage für den Aufstieg bemerkenswerter Künstler der zweiten Jahrhunderthälfte wie Chillida, Tàpies und Antonio Saura.

          Auffallend ist, dass ihre Werke jener Jahre eine düster-melancholische Stimmung umweht. Auch Joan Mirós monochrome Serie „Barcelona“ (1944) hat etwas Bedrohliches. Dalís Surrealismus, der 1939 in einem Gemälde so eloquent vor dem „Rätsel Hitler“ gewarnt hat, ist in der Folgezeit schwer fassbar und lässt sich notfalls auch regimekonform als neuer Modernismus verkaufen.

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