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Camille Henrot auf Biennale : Ist bildende Kunst von heute antiintellektuell?

  • -Aktualisiert am

„Grosse Fatigue“ von Camille Henrot, Videostill/Ausschnitt. Bild: © ADAGP Camille Henrot

Camille Henrot erhielt 2013 einen Preis als beste Nachwuchskünstlerin. Auf der Berliner Biennale zeigt sie ihr neues Projekt.

          5 Min.

          Ist die bildende Kunst von heute antiintellektuell? Vieles spricht dafür, und das Klima ist sowieso günstig, nicht zuletzt weil es immer mehr Menschen gibt, die mit der Erwartung eher niedrigschwelligen Konsums in eine Ausstellung gehen. Für die sind dann zum Beispiel einige museale Mitmachangebote geeignet. Durch das Aufziehen eines roten Eimers über den Kopf in einer Erwin-Wurm-Ausstellung wird man selbst zur „One Minute Sculpture“ und kann kalauern: Guck mal, Mutti, ich bin im Eimer.

          Dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden, aber festzuhalten bleibt: Es darf in der Kunst heute ruhig etwas schlichter zugehen. „Ich habe Angst vor moderner Kunst. Das ist wenig originell und weit verbreitet“, schrieb zum Beispiel kürzlich so zutreffend wie symptomatisch Ronja von Rönne in der „Welt“. Für solche Schwellenängste gibt es heute entsprechend niveaumäßig ausgedünnte, dafür umso farbenfrohere Dekokunst. Eine spiegelblank polierte Stahlplastik von Jeff Koons zum Beispiel lässt Furcht gar nicht erst aufkommen, zumal ihr Schöpfer die Banalität seines Werks auch noch als heilsam verstanden wissen will.

          Camille Henrot kennt keine Angst

          Übersetzt in das Motto der neunten Berlin Biennale, die am kommenden Wochenende eröffnet, wird die Angst zum Trend: „Fear of Content“ ist die Biennale überschrieben, wobei deren Macher, das New Yorker Kollektiv DIS, damit nicht nur die Scheu vor zu großen intellektuellen Herausforderungen in der Kunst meinen, sondern auch die berechtigte Unlust am digitalen content, also der Sorte bedeutungsarmen Alltagsmülls, der paradoxerweise gerade in seiner Fülle die Welt leerer macht, den Kopf sowieso, und den folgerichtig ja nun wirklich nicht mal mehr Künstler in ihrer Arbeit haben wollen – es sei denn, sie heißen Camille Henrot.

          Camille Henrot, die ebenfalls an der Berlin Biennale teilnimmt, hat keine Scheu vor trivialen Dingen. Vielleicht, weil sie diese richtig zu lesen weiß. Das kann man natürlich nur mit genügend Grips. Die Künstlerin, die die meiste Zeit des Jahres in New York lebt, sitzt Mitte Mai in ihrem römischen Stammcafé, dem „Ciampini“, direkt neben dem ehrwürdigen Palazzo Ruspoli, wo die Fondazione Memmo die in Rom ansonsten eher seltenen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst fördert. Henrot hat sich zwei Rückenwirbel ausgerenkt, weil sie über Monate Fresken angefertigt hat, aber sie ist auf Schmerzmitteln und daher gut gelaunt. Soeben hat ihre Ausstellung „Monday“ im Palazzo eröffnet.

          Ausstellung der Wochentage in Bronze

          Darauf muss man natürlich erst einmal kommen: eine Ausstellung über den ersten Tag der Woche zu planen – und sich dann an lebensgroßen Bronzefiguren und wandhoher Freskenmalerei zu versuchen. Im Gegensatz zum Tagesrhythmus, der sich der Erdrotation verdankt, ist die Woche eine menschliche Erfindung, eine Fiktion, von der wir uns aber zu gerne beeinflussen lassen. Der Mond-Tag ist dem Erdtrabanten gewidmet, und der wird traditionell nun mal mit Melancholie, innerer Einkehr, aber auch Inspiration verbunden. Der Wochenbeginn mag zäh sein, aber irgendwie glaubt man dann doch dran, dass diesmal auf wundersame Weise alles besser wird.

          Henrots große Bronzegesellen, allesamt piktogrammartig abstrahierte Figuren, scheinen sämtlich unter dem Einfluss des Mondes zu stehen, so traurig wirken sie. Einer der Riesen schaut in ein Tablet und lässt den Kopf hängen, eine Bronzeträne rinnt über eine fischmaulartige Öffnung, die Skulptur heißt „No Message“.

          Eine andere Plastik sieht so aus, als wüchsen einer Carl-Andre-Bodenplatte plötzlich Arme und Beine, welche sie pilatesmäßig in die Luft reckt, was aber eher verzweifelt wirkt, und eine dritte Statue will sich gar nicht erst vom Boden erheben, sie heißt „Derelitta“ wie das berühmte, Sandro Botticelli zugeschriebene Bild einer Verstoßenen. „Das Erhabene“, sagt die Künstlerin, „ist oft lächerlich, und Grandiosität resultiert meist in Traurigkeit. Daran war ich interessiert.“ Bis zum nächsten Jahr wird Henrot alle Wochentage durchgestaltet haben, das Resultat wird das ganze Palais de Tokyo in Paris fluten, und das ist nicht eben klein.

          Traditionelle künstlerische Ausdrucksformen

          Die dazugehörigen Wandfresken, in altmeisterlicher Manier in frischem Kalkputz aufgetragen, zeigen, so Henrot, Dinge, die man nicht tun sollte, schon gar nicht als Künstlerin: zum Beispiel am Montag nicht aufstehen, auch wenn einen ein Teufel aus dem Bett zu ziehen versucht. Oder Horoskope lesen (eine Frauenfigur blickt in eine Kugel) und rauchen (ein hübscher Mann sitzt auf einem ziemlich unbequemen eckigen Stein in lässiger Raucherpose und blickt drein, als habe er Magenbeschwerden).

          Selten wurden Themen wie Trägheit, kreative Flaute oder digitale Vereinsamung überhaupt in Form von Fresken oder Bronzen in Szene gesetzt, aber überhaupt noch nie so lustig – und dazu hat Henrot ja so etwas wie Selbstbildnisse geschaffen, Symbolfiguren der künstlerischen Prokrastination und Melancholie.

          Bekannt wurde die im Jahr 1978 geborene Französin mit der Arbeit „Grosse Fatigue“, einem fulminanten Video aufpoppender Bildschirmfenster, einer erschöpfenden Bilder- und Wortflut aus verschiedenen, einander widersprechenden Mythen vom Werden und Vergehen, aufgenommen im größten Museumskomplex der Welt, dem Smithsonian Institute in Washington. Für die „Große Müdigkeit“ bekam Camille Henrot 2013 in Venedig den Silbernen Löwen als beste Nachwuchskünstlerin. Danach schuf sie mit „The Pale Fox“ ihre eigene Weltordnung, arrangiert als mit unzähligen Dingen gefüllte Rauminstallation, die ihrerseits in kosmisches Yves-Klein-Blau getaucht war.

          Kunst mit E-Mails

          In „The Pale Fox“ kombinierte Henrot eigene Skulpturen mit Fotos, Kalligraphien und Ebay-Funden und entwickelte quasi nebenbei aus einer mythischen Figur der afrikanischen Dogon-Volksgruppe, dem blassen Fuchs Ogo, eine Art Galionsfigur des digitalen Zeitalters: Diese fahle, Aas fressende, aber auch neugierige, ungeduldige Randfigur der Gesellschaft sind wir alle, bläulich angestrahlt vom Smartphone, immerzu content in uns reinschaufelnd.

          Apropos content: Für die Biennale in Berlin wird Camille Henrot ein „Büro für unbeantwortete E-Mails“ einrichten. Die Aufmerksamkeitsstrategien der automatisch versendeten Kollektivmails faszinieren sie – schon weil sie mit der eigenen Vergesslichkeit rechnen. „Du liest den Betreff ,Camille, wir haben ein Problem, du musst sofort unterschreiben‘, und denkst erst, ,Mist, hab’ ich was vergessen?‘ Dann geht es aber um irgendeine Umwelt-Petition, und du entspannst dich. Doch dann überlegst du weiter: Wie wichtig ist eigentlich das eigene Leben, wenn man die Welt retten kann?“

          Also hat Henrot sich die Mühe gemacht, jede einzelne ihr zugesendete Spam-Mail persönlich und auch ziemlich furchtlos zu beantworten – die Ergebnisse präsentiert sie auf der Biennale. „Da gab es zum Beispiel diese Mail: ,Camille we look your facebook profile and you very handsome boy. Would you like to see some asian girls?‘ Ich bin nicht nur kein Junge, sondern nicht mal auf Facebook. Aber natürlich will ich asian girls kennenlernen!“

          Und weil keine Nebensächlichkeit ihrem neugierigen kulturhistorischen Blick entgeht, wird Henrot in Berlin außerdem eine neue Serie von Fresken anfertigen, diesmal auf Leinwand – auf Grundlage einer Buzzfeed-Liste. „11 animals that mate for life“, auf diese Ansammlung monogamer Tiere stieß sie bei einer Recherche über das Liebesleben der Seelöwen. Wie sentimental, sagt die Hundebesitzerin Henrot, muss unsere männerdominierte, monogamiegläubige Gesellschaft eigentlich sein, dass sie ihre Idealbilder von lebenslanger Treue auf Tiere projiziert („bei Nr. 5 musste ich weinen!“)?

          Und wie eigenartig wird diese analoge Rückkopplung flüchtiger Clickbaits an eine altmeisterliche Verewigungstechnik am Ende wohl ausfallen? Es ist ja nicht so, dass in Camille Henrots Kunst dauernd mit der Mensa-Mitgliedschaft gewedelt wird. Sie will ja schön und eingängig sein. Aber sie ist eben auch viel mehr als das. Dafür muss man Camille Henrot dankbar sein.

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