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Camille Henrot auf Biennale : Ist bildende Kunst von heute antiintellektuell?

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Traditionelle künstlerische Ausdrucksformen

Die dazugehörigen Wandfresken, in altmeisterlicher Manier in frischem Kalkputz aufgetragen, zeigen, so Henrot, Dinge, die man nicht tun sollte, schon gar nicht als Künstlerin: zum Beispiel am Montag nicht aufstehen, auch wenn einen ein Teufel aus dem Bett zu ziehen versucht. Oder Horoskope lesen (eine Frauenfigur blickt in eine Kugel) und rauchen (ein hübscher Mann sitzt auf einem ziemlich unbequemen eckigen Stein in lässiger Raucherpose und blickt drein, als habe er Magenbeschwerden).

Selten wurden Themen wie Trägheit, kreative Flaute oder digitale Vereinsamung überhaupt in Form von Fresken oder Bronzen in Szene gesetzt, aber überhaupt noch nie so lustig – und dazu hat Henrot ja so etwas wie Selbstbildnisse geschaffen, Symbolfiguren der künstlerischen Prokrastination und Melancholie.

Bekannt wurde die im Jahr 1978 geborene Französin mit der Arbeit „Grosse Fatigue“, einem fulminanten Video aufpoppender Bildschirmfenster, einer erschöpfenden Bilder- und Wortflut aus verschiedenen, einander widersprechenden Mythen vom Werden und Vergehen, aufgenommen im größten Museumskomplex der Welt, dem Smithsonian Institute in Washington. Für die „Große Müdigkeit“ bekam Camille Henrot 2013 in Venedig den Silbernen Löwen als beste Nachwuchskünstlerin. Danach schuf sie mit „The Pale Fox“ ihre eigene Weltordnung, arrangiert als mit unzähligen Dingen gefüllte Rauminstallation, die ihrerseits in kosmisches Yves-Klein-Blau getaucht war.

Kunst mit E-Mails

In „The Pale Fox“ kombinierte Henrot eigene Skulpturen mit Fotos, Kalligraphien und Ebay-Funden und entwickelte quasi nebenbei aus einer mythischen Figur der afrikanischen Dogon-Volksgruppe, dem blassen Fuchs Ogo, eine Art Galionsfigur des digitalen Zeitalters: Diese fahle, Aas fressende, aber auch neugierige, ungeduldige Randfigur der Gesellschaft sind wir alle, bläulich angestrahlt vom Smartphone, immerzu content in uns reinschaufelnd.

Apropos content: Für die Biennale in Berlin wird Camille Henrot ein „Büro für unbeantwortete E-Mails“ einrichten. Die Aufmerksamkeitsstrategien der automatisch versendeten Kollektivmails faszinieren sie – schon weil sie mit der eigenen Vergesslichkeit rechnen. „Du liest den Betreff ,Camille, wir haben ein Problem, du musst sofort unterschreiben‘, und denkst erst, ,Mist, hab’ ich was vergessen?‘ Dann geht es aber um irgendeine Umwelt-Petition, und du entspannst dich. Doch dann überlegst du weiter: Wie wichtig ist eigentlich das eigene Leben, wenn man die Welt retten kann?“

Also hat Henrot sich die Mühe gemacht, jede einzelne ihr zugesendete Spam-Mail persönlich und auch ziemlich furchtlos zu beantworten – die Ergebnisse präsentiert sie auf der Biennale. „Da gab es zum Beispiel diese Mail: ,Camille we look your facebook profile and you very handsome boy. Would you like to see some asian girls?‘ Ich bin nicht nur kein Junge, sondern nicht mal auf Facebook. Aber natürlich will ich asian girls kennenlernen!“

Und weil keine Nebensächlichkeit ihrem neugierigen kulturhistorischen Blick entgeht, wird Henrot in Berlin außerdem eine neue Serie von Fresken anfertigen, diesmal auf Leinwand – auf Grundlage einer Buzzfeed-Liste. „11 animals that mate for life“, auf diese Ansammlung monogamer Tiere stieß sie bei einer Recherche über das Liebesleben der Seelöwen. Wie sentimental, sagt die Hundebesitzerin Henrot, muss unsere männerdominierte, monogamiegläubige Gesellschaft eigentlich sein, dass sie ihre Idealbilder von lebenslanger Treue auf Tiere projiziert („bei Nr. 5 musste ich weinen!“)?

Und wie eigenartig wird diese analoge Rückkopplung flüchtiger Clickbaits an eine altmeisterliche Verewigungstechnik am Ende wohl ausfallen? Es ist ja nicht so, dass in Camille Henrots Kunst dauernd mit der Mensa-Mitgliedschaft gewedelt wird. Sie will ja schön und eingängig sein. Aber sie ist eben auch viel mehr als das. Dafür muss man Camille Henrot dankbar sein.

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