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Caillebotte in Berlin : Ein Abbild der modernen Ewigkeit

Jeder ist in Bewegung, aber keiner schaut den anderen an: Passanten mit Schirmen auf Caillebottes „Straße in Paris, Regenwetter“ von 1877 Bild: bpk / The Art Institute of Chicago

Die Impressionisten sahen ihn als Nachzügler, aber als Maler des modernen Lebens war er ihnen einen Schritt voraus. Die Alte Nationalgalerie in Berlin feiert den Maler Gustave Caillebotte.

          Caillebotte ist der Magier der Sachlichkeit. Auf seinem Bild „Straße in Paris, Regenwetter“ wird eine Straßenkreuzung im achten Arrondissement zur Bühne der menschlichen Komödie. Mehr als zwanzig Personen laufen über die Pflastersteine und Trottoirs der Place de Dublin, an der sich fünf Hauptstraßen kreuzen. Die Mehrzahl hält Regenschirme, manche gehen in Paaren, die meisten allein, keiner schaut einen anderen an. Ein Mann hastet mit gesenktem Kopf über die Rue de Saint-Petersbourg, eine Frau rafft ihren Rock, bevor sie das Pflaster betritt, ein großbürgerliches Paar, der Mann mit Zylinder, Fliege, Kurzmantel und Nankinghose, seine Begleiterin mit Gesichtsschleier, Juwelenohrring und pelzbesetztem Kleid, kommen dem Betrachter entgegen. Ein Passant ganz rechts hebt seinen Schirm, um ihnen auszuweichen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Rings um dieses Schauspiel spannt sich ein Theater der Dinge. Eine Gaslaterne teilt das Bild in zwei Hälften. Eine Kutsche rollt vorbei. Wie ein Schiffsbug schiebt sich das Eckhaus an der Rue Clapeyron auf den Platz. Im Erdgeschoss residiert eine Apotheke. In der Tiefe der Rue de Turin wartet ein letztes Baustellengerüst auf seine Demontage. Hinten rechts sieht man durch die Glasfenster ins Innere einer Bar. Die grauen Schirme schweben wie ein Rudel Raben über der Szene, bereit, abzuheben in den Regenhimmel.

          Ein Souverän unter den Impressionisten

          Üblicherweise muss man nach Chicago reisen, um dieses Gemälde zu betrachten, das im dortigen Art Institute hängt. Seit vergangenem Donnerstag nun kann man es vier Monate lang in der Alten Nationalgalerie bewundern, wo es im ersten Stock an die Stelle einer Ikone der Berliner Sammlung getreten ist, Manets „Im Wintergarten“, die im Tausch nach Chicago ging. Sein Auftritt ist spektakulär. Mit 212 mal 276 Zentimetern nimmt Caillebottes Werk mehr als den dreifachen Raum von Manets Bild ein. Vom Treppenhaus kommend, wird man förmlich eingesogen von der brutalen Perspektivik der Straßenszene. Der Impressionistensaal hat einen neuen Mittelpunkt bekommen, einen Souverän, der kein Ausweichen duldet. Gleich hinter der Stirnwand mit der „Straße in Paris“ öffnet sich ein Kabinett mit zwei weiteren Gemälden und acht Zeichnungen Caillebottes, ein Studienraum, der die Präsentation des Großformats aus Chicago zu einer mustergültigen kleinen Schau erweitert.

          Alle acht Zeichnungen sind Vorstudien zur „Straße in Paris“: Häuserfluchten, Bewegungsskizzen, Porträts. Denn der Maler hat das Bild nicht, wie seine Impressionistenfreunde Monet und Renoir, im Freien mit eiligem Pinsel gemalt, sondern es sorgfältig im Atelier konstruiert. Dass es dennoch wie eine Momentaufnahme des Pariser Alltags wirkt, ist das Wunder seiner Komposition. Er gibt ein impressionistisches Motiv mit dem Blick des Historienmalers wieder. Zugleich bricht er mit der Ästhetik der Historienmalerei, indem er sein anekdotisches Repertoire in alle Richtungen zerfließen lässt. Der Fluchtpunkt sind zwei Frauen, die sich nach hinten entfernen. Die optischen Klammern der Häuserfronten wirken zugleich als Trennmauern.

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