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Bundeskunsthalle : Luftschloßallee: Guggenheim-Architektur in Bonn

Nach der Einweihung von Gehrys Guggenheim-Bau in Bilbao wollte alle Welt eine Dependance des Museumskonzerns. Jetzt sind in Bonn die Entwürfe zu sehen - jeder aufsehenerregend, manche atemberaubend.

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          Wer „Guggenheim“ hört, hat das schneeweiße Schneckenhaus von Frank Lloyd Wright in New York und, seit seiner Eröffnung 1997, das dekonstruktivistische Schalentier von Frank O. Gehry in Bilbao vor dem inneren Auge. Mehr als andere Sammlungen wird die Kollektion des amerikanischen Kupfermagnaten mit ihren extraordinären Hüllen identifiziert. Die Architektur dominiert die Kunst, da mag diese, mit fast allen großen Namen der klassischen Moderne, noch so viele Attraktionen bieten. Das Primat ist Programm, spätestens seit 1988 Thomas Krens die Geschäfte der Stiftung leitet und sie, mit Partnerschaften, Leihverträgen und Abspielstätten, zum global vernetzten Kunstkonzern auszubauen versucht.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Mit dem Touristenmagneten im Baskenland begann die Guggenheim Foundation eine aggressive Expansionspolitik. Realisiert aber wurden bisher nur zwei kleinere Dependancen: die eine in Berlin, wo ein Saal in der Filiale der Deutschen Bank Unter den Linden eingerichtet wurde, die andere in Las Vegas, wo Rem Koolhaas eine temporäre Kunsthalle und ein Museum im „Venetian“, einem Casino-Hotel-Shopping-Komplex, konzipierte. Beide Projekte sind eher Nebenschauplätze und gleichwohl aussagekräftig. Zeigen sie doch, wo Krens mit der Kunst hinwill: Sie dem Kapital und dem Konsum auszuliefern, stärkt ihre Anbindung an den Markt. Die Standorte gehören wie die Architektur zur Strategie.

          Hundertdreißig Anfragen, drei Machbarkeitsstudien

          In Ergänzung zu dem Gastspiel der Sammlung (siehe auch: „The Guggenheim“ in Bonn: Moderne für die ganze Welt) stellt die Bundeskunsthalle in Bonn erstmals „The Guggenheim Architecture“ aus. Die Schau umfaßt beides: was gebaut und was nicht gebaut wurde. Frank Lloyd Wrights Ikone, auf die er sich in sechs Varianten und mehr als siebenhundert Zeichnungen vorbereitet hat, wird am ausführlichsten dokumentiert, in Modell, Fotos, Plänen und Skizzen, und Gehrys Glitzercollage werden die konkurrierenden Entwürfe von Coop Himmelb(l)au und Arata Isozaki zur Seite gestellt.

          Der Bilbao-Effekt hat zwar bislang zu, so heißt es im Katalog, hundertdreißig Anfragen von Investoren und Ländern geführt, doch nur dreimal wurde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben: in Rio de Janeiro, Taichung und Guadalajara. Doch wurden dafür keine Wettbewerbe ausgelobt, sondern, vermittelt von der Stiftung, (meist) drei prominente Architekten aufgefordert: In Rio will Jean Nouvel mit einem Museum am Pier Mauá acht Meter unter den Wasserspiegel gehen, in Guadalajara Enrique Norten einen gläsernen Ausstellungsturm auf ein Felsplateau über einer Schlucht setzen, und in Taichung schlug Zaha Hadid, die direkt beauftragt wurde, einen sich ständig verändernden Event-Raum vor. Doch nur das Projekt in Mexiko wird weiterverfolgt, die beiden anderen scheiterten an politischen Auseinandersetzungen. Auch in Salzburg, wo Hans Hollein ein Museum in den Mönchsberg schneiden wollte, in New York, wo wiederum Gehry am East River ein silbriger Wolkenberg vorschwebte, in Tokio, wo Nouvel ein bergähnliches, mit Kirschbäumen bepflanztes Dachsystem aufwölbte, und in Singapur, wo Zaha Hadid drei stromlinienförmige Baubänder zu einem Turm zusammenlaufen ließ, sind die Pläne Papier geblieben.

          Jeder dieser Entwürfe ist aufsehenerregend, manche sind atemberaubend. Ob daraus gute Museen würden, läßt sich der Ausstellung nicht entnehmen. Welche Kunst die Bauten wie präsentieren sollen, wird nicht, wie sie sich in das Umfeld einfügen, kaum gefragt. Der Katalog befleißigt sich einer feierlichen Werbesprache, die keine Auflagen und Probleme kennt. Die Architektur wird zur Marke und zum Marketing, die sich nicht an den Maßgaben der Kunst, sondern an den Gesetzen der Warenästhetik ausrichtet. Daß die Bundeskunsthalle das Thema derart unkritisch und äußerlich als apart beleuchteten Höhlenparcours inszeniert, ist dann schon ein Indiz für den Trend, der hier propagiert wird. Denn die Luftschlösser führen sich zwar wie Models auf, Modell stehen aber können sie nicht: Das Prinzip Guggenheim, dem die Zukunft gehören möchte, nimmt das Museum und die Kunst unter die Knute des Kommerzes.

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