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Museumsdepots : Hat noch jemand Kunst auf Lager?

Masken, Ahnenpfähle und Tierfiguren aus Ozeanien im Depot bei den Vorbereitungen für den Umzug des Ethnologischen Museums Berlin Bild: dpa

Unter dem Museum ist ein Museum: Ein Bündnis zur Erforschung der Depots zieht in Hamburg Bilanz. Wie weit werden seine Impulse tragen?

          Das Depot eines Museums sei auch ein Museum der verlorenen Schlachten um kunsthistorische Bedeutung, hieß es in einem Artikel in dieser Zeitung einmal. Eine unsichtbare Arena andauernder Kämpfe um die Deutungshoheit in der Kunst. Ein geheimes Museum unter dem Museum. „Kunst auf Lager“ hieß der Artikel von 2012 über diese unsichtbare Welt, in der das Vergessene und Aussortierte langsam einstaubte. Ein Plädoyer für die Entdeckung des Depots sollte er sein und wurde auch so wahrgenommen. 2014 fand sich ein Bündnis aus Stiftungen zusammen, das es sich zum Ziel setzte, Museumsdepots zu erschließen und zu sichern, und sich diesen Namen gab: Kunst auf Lager.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Nun hat dieses Bündnis im Hamburger Museum am Rothenbaum Bilanz gezogen – seine Auflösung angekündigt. Bis zu neunzig Prozent der Sammlungen von Museen sind nicht in Ausstellungen zu sehen, sie liegen in den Depots. Mehr oder weniger gepflegt und erfasst auf Inventarlisten, harren sie ihrer Wiederentdeckung oder auch nur der Restaurierung. Lange haben sich viele Museen der Logik unterworfen, dass gezeigt wird, was bekannt ist und begehrt, was die Ausstellungen immer teurer und berechenbarer machte, nicht unbedingt interessanter. Der Fokus verengte sich. Was in den Depots lagerte, wurde nicht selten vergessen. Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Besucher ist eine Materialschlacht, die den Blick nach innen und in diesem Fall nach unten in den Keller verstellte.

          Dass es so nicht weitergehen kann, ist manchen Museen längst bewusst, nicht nur weil man nicht verstehen kann, was das eigene Haus alles sein kann, wenn man nicht weiß, was das eigene Haus alles besitzt. Es gehorcht auch einer Not: Die Schätze im Keller zu heben ist noch immer günstiger, als Neues auf dem Kunstmarkt zu erwerben. Wenn das Bündnis also Bilanz seiner Arbeit zieht, stehen da die Zahlen: 14 Partner schlossen sich zusammen und investierten 26 Millionen Euro in 292 Fördervorhaben. In diesem Sinne gab das Bildungsministerium des Bundes noch einmal mehr als 30 Millionen Euro an 41 Forschungsprojekte. Es wurde gesucht und gefunden, restauriert und digitalisiert. Ein großer Teil der Projekte führte schließlich zu Ausstellungen, die dem Wiederentdeckten eine Bühne boten. Neben diesen Zahlen aber stehen die Geschichten aus den Depots: solche des physischen Verfalls und der Suche nach dem eigenen Selbstverständnis.

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          Manche dieser Geschichten sind in einem Buch zur Arbeit des Bündnisses zusammengefasst, Sebastian Giesen von der Hermann Reemtsma Stiftung oder Philip Kurz von der Wüstenrot Stiftung berichten von ihnen in Hamburg – davon, dass Depots nicht selten ein Tabuthema seien, dass es bei vielen Häusern schon viele Gespräche gebraucht habe und „vertrauensbildende Maßnahmen“, bis sich die Türen öffneten. Wenn man dann hineintrat, ging es nicht nur um das Entdecken, sondern auch um Banales – das Erhalten und Sortieren. Um Gemälde, die falsch auf den Rahmen aufgespannt waren. Um neue Regalsysteme, um die Kunst anständig zu lagern. Die Relevanz des Restaurators sichtbar zu machen war auch so ein Ziel des Bündnisses. Manchmal klärte sich dann ebenso banal schon die Frage, warum etwas aussortiert wurde. Wie bei Videokunstprojekten, die, einst gefeiert, sich in Depots wiederfanden. Die Röhrenbildschirme waren durchgebrannt, die Reparatur kompliziert.

          Die Geschichten reichen von den lange Zeit wenig beachteten zivilen Uniformen aus dem Herzogtum Braunschweig aus den Jahren 1815 bis 1918, die, vor dem Schimmel gerettet, vom Selbstbewusstsein eines deutschen Teilstaates künden, über die Erschließung des kaum erfassten Nachlasses von John Heartfield, den Bertolt Brecht für einen der bedeutendsten Künstler Europas gehalten haben soll, bis zum Fund eines monumentalen Mosaiks von Josep Renau, zersägt in ein paar Containern, nachdem das Gebäude in einem Erfurter Plattenbauviertel, das es einst zierte, weichen mussten. Bald soll es wieder zu sehen sein.

          All das zeigt, wie sehr es sich lohnt, die Museen unter den Museen zu erschließen. Trotzdem löst das Bündnis sich nun auf. Fünf Jahre habe man Impulse gegeben, heißt es, man könne nicht dauerhaft öffentliche Aufgaben übernehmen, und die einzelnen Stiftungen blieben ja auch weiter ansprechbar. Wie weit diese Impulse tragen, wird man aber erst wissen, wenn sich der erste Staub auf den Glanz des Wiederentdeckten legt.

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