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Büchner-Ausstellung in Darmstadt : Scharfe Essenz der Erkenntnis

Was kann man wissen über ein Genie, das mit 23 Jahren starb? Die große Darmstädter Ausstellung zum zweihundertsten Geburtstag des Dichters Georg Büchner zeigt: viel mehr, als wir dachten.

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          Mehr als zweihundert Jahre bevor Stéphane Hessel mit seiner Streitschrift die „Empörten“ des 21. Jahrhunderts ansprechen sollte, kamen in Straßburg zur Zeit der Französischen Revolution „die Wütenden“, die „enragés“, auf eine verheerende Idee: Der 142 Meter hohe Nordturm des Straßburger Münsters, damals das höchste Gebäude Europas, müsse abgerissen werden, weil er den Hochmut des Klerus verkörpere. Den Angriff auf das Symbol aus Stein wehrten Straßburger Bürger mit einem Symbol aus Blech ab: Sie setzten dem Turm eine zehn Meter hohe Jakobinermütze auf, eines der zentralen Symbole der Revolution. Der Turm blieb verschont, die Blechmütze kam später ins Stadtmuseum, wo sie 1870 durch preußisches Artilleriefeuer zerstört wurde. Jetzt ist ein Modell dieser Mütze in der großen Darmstädter Georg-Büchner-Ausstellung zu sehen. Die Schau würdigt den Dichter, der Wissenschaftler werden wollte, indem sie auf tausend Quadratmetern anhand von vierhundert Objekten zeigt, dass wir gar nicht so wenig über den so jung verstorbenen Dichter wissen, wie wir gedacht haben.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Ausstellung hat viel zu bieten: Originalzeugnisse vom Goddelauer Geburtsbuch über ein Heft mit dem an den Rand gekritzelten Klageruf des Schülers Georg über seinen Lehrer („O du gelehrte Bestie, lambe me in podice“), ein Blatt des „Woyzeck“-Manuskripts und weitere Proben der wie von tausend Teufeln über das Papier gehetzten Handschrift bis hin zu den jüngsten, spektakulären, aber zum Teil umstrittenen Porträtfunden und der wohl unvermeidlichen Dichterreliquie in Form einer Haarlocke, die als authentisch gilt.

          Büchner neu betrachten

          Der Kurator Ralf Beil, der von der Mathildenhöhe, die gerade saniert wird, in einen bislang ungenutzten Raum im Congresszentrum Darmstadtium umziehen musste, will Büchner nicht neu erfinden, sondern die Besucher anregen, Büchner neu zu sehen: unvoreingenommen, jenseits aller Klischees, mit allen Sinnen und unterstützt von einer hochspezialisierten Büchner-Philologie ebenso wie von den Hilfsmitteln moderner Ausstellungsarchitektur wie Audio-Guide, Klangcollagen, Video-Installationen. Vor allem aber lässt die Ausstellung spüren, worin der wichtigste Antrieb ihrer Macher gelegen hat: unbändige Neugier auf den widersprüchlichen Menschen Büchner in seiner widersprüchlichen Zeit.

          Georg Büchner, der sich am 9. November 1831 in der Medizinischen Fakultät Straßburg als Student einschrieb, hat die Geschichte mit der Kirchturmmütze gewiss gekannt. Sie dürfte seinem Interesse an Hybridwesen entsprochen haben, war er doch selbst eines: Dichter und Wissenschaftler, Revolutionär und Realist, ein Bürgersohn, der seinen Lehrer auf Lateinisch verspottete, auf den Klang der Stimmen aus dem Volke lauschte, ihre Lieder kannte und mit Woyzeck als erster deutscher Dramatiker einen einfachen Mann zur Hauptfigur eines Theaterstücks machte.

          Harmonie war seine Sache nicht

          Der Kirchturm mit der Freiheitsmütze war ein Bastard, gemeinsam gezeugt von Kräften der Revolte und des Beharrens, Frucht einer unfreiwilligen Verbindung von Revolutionsfuror und Bürgerschläue. Büchner, der eine synästhetische Auffassungsgabe besessen haben muss, war ein glänzender Beobachter, der seinen Blick gern dort verweilen ließ, wo das eigentlich Inkommensurable aufeinanderstieß. Das scharfkantige Mosaik, das sich dann seinen Augen darbot, war bestimmt durch zwei gegenläufige Bewegungen, wie die Ausstellung deutlich herausarbeitet: Die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse waren erstarrt, während sich der naturwissenschaftliche Blick auf die Welt weitete und beschleunigte.

          Büchner nahm, was er sah, vorfand und entdeckte, als Material. Er fragte nicht, ob es zusammengehörte oder zusammenpasste, er machte es sich gefügig - um der Wirkung willen, die sich so erzeugen ließ. Anders als Goethe, der 64 Jahre vor ihm geboren wurde und nur fünf Jahre vor ihm starb, war Büchner nicht auf Harmonie aus. Er wollte Klarheit, die scharfe Essenz aus bitterer Erkenntnis.

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