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Buddhistischer Japonismus : Göttliche Spurensuche in Genf

Eine Ausstellung im Museum für Ethnographie in Genf rekonstruiert die erste Faszination für den japanischen Buddhismus. Und schafft einen neuen Begriff der Kulturgeschichtsschreibung: buddhistischer Japonismus.

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          Im Jahr 1872 kam eine Lieferung Tempelglocken aus Japan in die Schweiz. Adressat war eine Gießerei in Aarau, sie sollte die Glocken einschmelzen. Der seit 1868 in Japan regierende junge Meiji-Kaiser hatte dem bis vor wenigen Jahren noch völlig isoliert lebenden Land eine radikale Modernisierung verordnet, und dazu gehörte nicht nur die Entmachtung des traditionellen Militärmachthabers, des Shoguns, zugunsten der imperialen Zentralmacht, sondern auch die religiöse Ausrichtung auf den fälschlicherweise als urjapanisch geltenden Schintoismus, der im Kaiser eine Gottheit verehrte. In den ersten Jahren der Meiji-Herrschaft wurde ein Kulturkampf gegen den Buddhismus geführt, der seit 1300 Jahren in Japan heimisch war. Tempel wurden umgewidmet und um ihre Kultgegenstände gebracht. Aus den Glocken sollten Kanonen für die nach der Entmachtung der Samurai reorganisierte kaiserliche Armee werden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Einige aber überlebten diesen Bronzesturm, weil sie europäische Bewunderer fanden. Ein Foto von 1873 zeigt drei der nach Aarau gelieferten Glocken, die von Schweizer Sammlern aufgekauft wurden: Zwei kamen ins Ethnographische Museum von Genf, das die größere 1930 nach Japan zurückgab, als deren Herkunftstempel darum bat. Die zweite wird derzeit in einer Sonderausstellung des Genfer Hauses gezeigt, die dritte aber ist verschollen. Bis 1929 ist sie noch in Schweizer Privatbesitz dokumentiert. Vor dem Eingang zur Sonderausstellung werden die Besucher um Hinweise auf den Verbleib der Glocke gebeten.

          Es wäre der Clou dieser Schau, sollte die Suche erfolgreich sein. Und es passte zum Ausstellungsthema, das einen neuen Begriff in die Kulturgeschichtsschreibung einführen will: den buddhistischen Japonismus. Der Kurator Jérôme Ducor, zuständig für asiatische Kunst im Genfer Museum, will den Blick über die rein kunsthistorische Betrachtung des Japonismus hinausführen und die damalige europäische Faszination für den japanischen Buddhismus mit in den Blick nehmen. Tatsächlich kamen in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts zwei Phänomene zusammen: das Interesse von westlichen Religionswissenschaftlern wie etwa dem Franzosen Émile Guimet am nun wieder zugänglichen Japan und der Ausverkauf der dortigen buddhistischen Kunst. Die in der Schweiz vermisste Glocke stammte aus dem in Edo gelegenen Zojoji-Tempel, einem Mausoleum der Tokugawa-Familie, die zweieinhalb Jahrhunderte lang die Shogune gestellt hatte. Der Meiji-Kaiser hatte Edo zu seiner neuen Hauptstadt gemacht und in Tokio umbenannt, der Tempel wurde teilweise niedergebrannt, seine Schätze 1872 verwertet.

          Bilder der fließenden Welt

          Die prachtvoll vergoldeten Holztüren und ein Paar Wandbilder daraus kaufte etwa der in österreichischen Diensten stehende Heinrich von Siebold. Heute gehören sie dem Museum für Angewandte Kunst in Wien. Sie sind nach Genf ausgeliehen worden und bilden dort das Zentralstück eines dem buddhistischen Kultus gewidmeten Ausstellungsraums, der durch die brillante Idee, über diese Artefakte zahllose kleine, mit Heiligendarstellungen bedruckte orange Plexiglasscheiben aufzuhängen, einen betörend suggestiven Anblick bietet.

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