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Gironcoli in der Schirn : Wer hat Angst vor Wunschmaschinen?

Sie warten auf ihre Benutzung: Gironcolis Wunschmaschinen in der Frankfurter Schirn Bild: Hans Christian Krass

Weithin unbekannt, dennoch berühmt: Die Frankfurter Schirn hat mit viel Aufwand fünf gigantische Skulpturen des österreichischen Bildhauers Bruno Gironcoli aufbauen lassen. Sie stecken voller Symbolik.

          Was sind das denn, „Prototypen einer neuen Spezies“? Einer Gattung mithin, die jedenfalls irgendwo ihre organische, genauer organoide Herkunft hat. Nennen wir sie – Wunschmaschinen; wobei, man weiß es, nicht nur die guten Wünsche in Erfüllung gehen. Und sie sind riesig, wie sie da, von Pflöcken arretiert, auf ihren Füßen stehen, auf denen die Last von sehr speziellen Phantasien ruht. Fünf aus dieser Sippe sind jetzt in der Frankfurter Schirn versammelt, in einem eigenen Raum vor dem großen halbkreisförmigen Fenster des Gebäudes. Als wäre es kein Wunder, wenn sie sich über Nacht durch die Glasfront auf den Weg machen würden, um dort unten, in der schnuckeligen Neuen Altstadt, angemessenes Aufsehen zu erregen. Durchaus verschwistert sind sie den Cyborgs, wobei ihr menschlicher Anteil schon wieder in Versatzstücke des Humanen aufgelöst ist.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der österreichische Bildhauer Bruno Gironcoli (1936 bis 2010) hat seine monumentalen Skulpturen seit den späten siebziger Jahren zusammengebaut aus, so lässt sich das nennen, armen Materialien, aus Blechen und Rohren, gestützt von Holzkonstruktionen. Dabei glänzen die Außenhäute dieser umwerfenden Hybride golden, silbrig und bronzen. Doch bei näherem Hinsehen enthüllt auch der edle Anstrich seine Scheinhaftigkeit, es ist billige Farbe. Und nach der ersten Überraschung kommen ihre Formen in den Blick, das große Rätselraten nach deren Ursprüngen beginnt. Dauerhaft bewahrt sind die „Prototypen“ im „Gironcoli-Kristall“ des Strabag-Kunstforums in Wien und im Gironcoli-Museum Herberstein in der Steiermark. Dem Markt sind sie mithin entzogen; einige von ihnen haben jetzt vorübergehend Ausgang nach Frankfurt.

          Der österreichische Maler und Bildhauer Bruno Gironcoli (1936-2010)

          Bruno Gironcoli gehört seinerseits zur Gattung der weithin unbekannten, gleichwohl berühmten Künstler. Seine Karriere begann 1951 mit einer Ausbildung zum Gold-, Silber- und Kupferschmied; daher mag es rühren, dass er seine späteren Mega-Schöpfungen zierlich „Broschen“ nannte. Er ging 1961 für ein Jahr nach Paris, dort wird neben dem Surrealismus und Aspekten des Existentialismus Alberto Giacometti für ihn wichtig. Was kurios klingt angesichts seiner später anschwellend prallen Körper, aber als Idee eines künstlerisch geformten Menschenbilds einleuchten kann. Im Katalog verfolgt Martina Weinhart, die Kuratorin der Schau in der Schirn, Gironcolis Werdegang, ordnet sein Schaffen ein in seine Vita, geprägt vom Fluidum Wiens, im Umfeld des Wiener Aktionismus der sechziger Jahre – bis eben hin zu seiner „Ästhetik der Maßlosigkeit und der Opulenz“.

          Inmitten von Gironcolis „Prototypen“ kommt man sich als menschliche Kreatur etwas verloren vor.

          Es fehlte ihm nicht an Anerkennung. Von 1977 bis 2004 leitete er die Bildhauerschule der Akademie der bildenden Künste in Wien. Im Jahr 2003 vertrat er Österreich auf der fünfzigsten Biennale in Venedig. Zumal unter Künstlern ist er hochgeschätzt. So war er der Lehrer des 2012 verstorbenen Österreichers Franz West, der mit seinen Plastiken Innen- und Außenräume erfolgreich möbliert hat, und sein Einfluss auf den Schweizer Ugo Rondinone ist unübersehbar, der mit seinen charakteristischen, manchmal meterhohen Skulpturen zum aktuellen Kunststar avancierte. Zur Ausstattung von Gironcolis Professur gehörte ein weiträumiges Atelier im Wiener Prater; dort konnte er seinen wilden Eingebungen freien Lauf lassen. Er bastelte ihre einzelnen Teile immer wieder neu zusammen, so dass es die eine, die fertige Skulptur eigentlich gar nicht gibt. Bis der Tod ihn von seinen Geschöpfen schied.

          Zurück zu den „Prototypen“ in der Schirn: Tieflader mussten sie, tonnenschwer wie sie sind, ankarren, zerlegt in ihre Einzelteile, damit ihnen kein Schnörkel gebrochen werde. Ihre Gigantomanie, die keineswegs unfreundlich ist, führt die Betrachter dennoch geradewegs an die Ränder des Unbewussten. Schließlich sind diese überdeterminierten Geräte an dem Ort entstanden, wo einst Sigmund Freud den Abgrund menschlicher Existenz als „psychischen Apparat“, als eine Maschinerie, identifiziert hat. Eine Erkenntnis, von der sich die Kunst bis heute zu gern dicke Scheiben abschneidet.

          Werden und Vergehen, Genuss und Reue, Sexus und Scheitern - Gironcolis Symbolik.

          Doch Bruno Gironcoli hat daraus sein eigenes Spektakel gemacht: Goldfarbene Babys beiderlei Geschlechts rutschen auf einer Rampe, gleich aus dem Ruder gelaufener Putti des Barocks. Flammen schlagen jäh aus einer Fläche. Eine Art plattgemachtes Weinfass ist mit Rispen von Weintrauben behängt, ob es ein weibliches Geschlecht aufweist, sei dahingestellt. Auf gleichsam hydraulischen Beinchen schwebt ein Gebilde, umrankt von notorischen Ornamenten des Jugendstils; die Ödnis der Postmoderne, der nichts mehr einfiel als müde Zitate, wird solche Verzierungen gern aufgreifen. Das alles ist aufgeladen mit Symbolik – für Werden und Vergehen, für Genuss und Reue, für Sexus und Scheitern.

          Obstinat aber verweigern die „Prototypen einer neuen Spezies“ alle wohlfeile Eindeutigkeit. Dafür stehen sie – einfach so herum; das macht sie ein wenig unheimlich. Das macht sie zu vieldeutigen Zeichen dafür, dass das Unheimliche ja bloß die Kehrseite des allzu Vertrauten ist. Was dann wiederum eine Angelegenheit für die Kunst ist. In der Rotunde der Schirn steht im Freien ein weiteres Exemplar der Gattung, eines der wenigen in Aluminium gegossenen. Silbern glänzend macht es keine Angst; kratzbürstig ist es schon.

          Bruno Gironcoli. Prototypen einer neuen Spezies. In der Schirn Kunsthalle Frankfurt; bis zum 12. Mai. Der Katalog (Distanz Verlag) kostet im Museum 20, im Buchhandel 28 Euro.

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