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René Daniëls Ausstellung : Die Kunstakademie als Freudenhaus

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Viel lag ihm an einer anarchischen Power der Malerei. Eine lässige, ebendarin präzise und gekonnte Handschrift legte René Daniëls auch bei einem dicken weißen Punkt an den Tag, der wie ein Vollmond aus einem Meer aus wogendem Blau hervorleuchtet; dann wiederum tanzen junge Leute im „Palais des Beaux-aards“; eine junge Dame, gänzlich entblößt, sitzt auf dem Klo und liest ein Buch: „Besetzt!“ ruft es aus dem Bild. Schließlich – es sollte ja auch um die Kunst seiner Zeit gehen – balancieren geöffnete Muscheln auf offener See und spielen auf das Werk des belgischen Wort-Bild-Künstlers Marcel Broodthaers ebenso an, wie sich in seinen Bildern auch René Magritte als einer der Gewährsleute meldet, auf die sich Daniëls berief.

Ein sattes, tiefes Blau

Schon früh hatte der Maler eine Idee, die er in den kommenden Jahren zur Reife bringen sollte: Bilder mit eigenen Bildern darin zu malen, so dass in einem titellosen Bild von 1982 ebenjene Schallplatten und ein Skateboard in einem barocken Rahmen stecken und nebeneinander an der Wand hängen wie im Hause eines Sammlers. Ironisch musealisierte sich Daniëls damit selbst. Kündigte nicht minder ironisch „The Most Contemporary Picture Show“ an, die nur seine eigene sein konnte, malte als Parabel der Kunstwelt, wenn schon kein Haifischbecken, dann ein solches mit holländischen Heringen, die sich gegenseitig verschlingen.

Als Pierrot porträtiert Daniëls den niederländischen Landsmann Theo van Doesburg als „Mr. Noordzee“. Die Fassade der Kunstakademie gibt er als Freudenhaus. Nicht alles in der Ausstellung erklärt sich von selbst, aber alle witzigen Inhalte blieben blass, wenn nicht die Anschauung getriggert und befriedigt wird. Wenn also Mann und Frau auf zwei Matratzen ganz allein für sich auf einem Wasser schlummern, dann ist es, vor aller surrealen Metaphorik, ein sattes, tiefes, reichnuanciertes Blau, das die Lust auf ein solches Bild überhaupt erst weckt.

Bilder wie in Trance

Über einer Meeresflut lässt Daniëls 1984 dann, in einer surrealen Bild-Wort-Spielerei, eine Herrenfliege segeln. Die Fliege macht Daniëls in der Folge zu seinem Erkennungszeichen. Doppeldeutig steht sie für arrivierten, für ihn wohl spießigen Männerchic bei der Vernissage, zeichnet zudem aber auch die perspektivische Flucht in einen Ausstellungsraum nach, an dessen roten Wänden gelbe Monochromien hängen. Zahlreiche solche nach 1984 entstandene Bilder fasste Daniëls unter dem aufreizend banalen Sammeltitel „Schöne Ausstellungen“ zusammen.

Tatsächlich schuf er damit seine ikonischen Bilder: Nicht nur sind die Dinge darin abstrakt und zugleich mehrdeutig, sie gehen auch auf eine niederländische Tradition zurück, das Galeriebild mit seinen Dutzenden Bildern in Petersburger Hängung und den beistehenden Disputanten, die sie erörtern. Daniëls malt keine Stillleben, Landschaften oder Mythologien, er bestückt seine Kunstbühnen mit monochromer Malerei. Was hier überhaupt noch figurativ, was „gegenstandslos“ ist, bleibt in der Schwebe. Wie in Trance schweben auch die Bilder in Werken, die Leben in starre Ausstellungskonventionen der Moderne bringen sollen. Vom „Bild im Plural“ hat der Kunsthistoriker Felix Thürlemann einmal gesprochen und könnte auch Daniëls damit gemeint haben.

1986 malt er eine eigene Ausstellung in einem Bild. In Blütenzweigen schreibt er seine Werktitel und Ausstellungen ein wie in einen Stammbaum seiner Vita. So also ließen sich die Betriebsbedingungen der Malerei schon vor dreißig Jahren ins Bild setzen. Heute dagegen performed eine Jutta Koether ihre Malerei in eigenen Installationen, und Jana Euler malt Steckdosen als Netzwerk-Chiffren, oder sie bringt einfach gleich die Herren Szeemann, Diederichsen und Birnbaum selbst, als Strippenzieher in der Artworld, auf die Leinwand.

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