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Propaganda-Fotografie : Himmlische Blicke in höllischen Zeiten

Aufgenommen 1917, in zuvor nie erreichter Präzision: Blick in die Vierung der Kathedrale von Antwerpen Bild: F.A.Z.

In Brüssel werden Fotos belgischer Kulturschätze ausgestellt. Besonders ist daran: Sie wurden vor hundert Jahren von Deutschen mit der Absicht von Propaganda aufgenommen. Doch sie erzählen noch viel mehr.

          3 Min.

          Vor hundert Jahren begann im besetzten Belgien eine deutsche Mission der besonderen Art, die erst anderthalb Jahre später mit dem Waffenstillstand von Compiègne ihr Ende fand. Vom Sommer 1917 an reiste eine dreißigköpfige Gruppe von Kunsthistorikern, Architekten und vor allem Fotografen durch das ganze Land, um dessen Kunstschätze zu erfassen. Jetzt hängen 74 Aufnahmen aus diesem Konvolut als große Reproduktionen mitten in Brüssel, unter freiem Himmel: im Warandepark am königlichen Schloss, im Volksmund auch Parc Royal genannt. Prominenter geht es kaum, und die Bilder bleiben dort den ganzen Sommer über zu sehen, beidseitig angebracht auf langen Schauwänden, die sich an einer der Alleen entlangziehen. In der Mitte der Installation ist über einem Bassin ein riesiges Transparent mit einer Frage angebracht, die sich die meisten Betrachter stellen dürften: „Warum die Kunst des Feindes fotografieren?“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die vom Kaiserlichen Deutschen Generalgouvernement unterstützte Aktion diente nicht etwa der Vorbereitung von Beutezügen durch die Kirchen, Schlösser und Museen. Vielmehr sollte damit bei den Besetzten Sympathie für die Besatzer geweckt werden: So sorgfältig kümmert sich der Feindstaat um die Nationalschätze Belgiens. Dass von dieser aufwendigen Fotokampagne auch eine Botschaft an die ganze Welt ausgehen würde, war die unausgesprochene Hoffnung der Organisatoren. Seit dem Einmarsch deutscher Truppen ins neutrale Belgien am 4.August 1914 galt das besetzte Land als vergewaltigte Nation, und den Deutschen haftete der Ruf von Barbaren an, denn viele Kulturdenkmäler fielen den Kriegshandlungen zum Opfer. Das prestigeträchtigste zerstörte belgische Gebäude war die Bibliothek der Universität von Löwen.

          Kulturbarbarei nicht auf Feinde oder Kriegszeiten beschränkt

          Auch ihre Ruine wurde 1918 fotografiert, von Richard Hamann, dem späteren Gründer des berühmten Bildarchivs Foto Marburg. Er ist eines der wenigen namentlich bekannten Mitglieder der deutschen Expedition, und seine Bilder aus Löwen dokumentieren auch andere schwere Schäden in der Altstadt. Der Propagandazweck der Mission hat also zumindest zwiespältige Resultate hervorgebracht: Mit deutscher Gründlichkeit wurden auch jene Gebäude festgehalten, die die eigenen Soldaten zerstört hatten. So wurde die Bildersammlung, die im November 1918 auf 10.000 Aufnahmen angewachsen war und in den zwanziger Jahren komplett vom belgischen Staat erworben werden sollte (als Teil der deutschen Reparationszahlungen), zu einem wichtigen Werkzeug bei der Bewahrung des Kulturerbes – zumal etliche Gebäude, die heil über den Ersten Weltkrieg gekommen waren, dann dem Zweiten zum Opfer fielen, als Belgien wieder von den Deutschen besetzt wurde. Das im Warandepark mit einem Foto vertretene Kastell Prinsenhof bei Grinbergen ist dafür nur ein Beispiel.

          Der Schwerpunkt der dokumentarischen Aktivitäten lag auf dem flämischen Landesteil, denn die Besatzungspolitik propagierte dessen Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreis. Aber auch in Wallonien wurde kräftig fotografiert, so etwa die Kathedrale von Tournai, die sich wie ein gotisches Gebirge aus der ansonsten überwiegend barock geprägten Altstadt erhebt. Die Ausstellungsmacher vom in Brüssel angesiedelten Königlichen Institut für Kulturerbe, in dessen Besitz die Aufnahmen heute sind, deuten diese fotografische Inszenierung des Kirchenbaus als bewusste Betonung der damals als spezifisch deutsch verklärten Gotik, zu Lasten des französisch konnotierten Barocks. Andererseits konzedieren sie durchaus die Ernsthaftigkeit der kunsthistorischen Bemühungen bei der Mission. Doch das habe ebenfalls vor allem die deutsche Überlegenheit beweisen sollen – auch auf akademischem Gebiet.

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          Gestützt durch Quellen wird diese Deutung nicht, aber die visuelle Evidenz hat einiges für sich. Der Bestand der 10.000 Aufnahmen, sämtlich Glasnegative – die nun im Netz (unter balat.kikirpa.be/tools/14-18) digitalisiert als Positive zu betrachten sind –, dürfte Forschungsgegenstand für viele Jahre werden. Schon die 74 Aufnahmen aus dem Warandepark können für Stunden fesseln, zumal am Schluss vierzehn historische Schwarzweißansichten durch Farbfotos derselben Objekte ergänzt werden, die 2015/16 aus identischer Perspektive aufgenommen wurden. Da dokumentiert sich nicht nur der architektonische, sondern auch der gesellschaftliche Wandel Belgiens: so im Falle des prächtigen barocken Beichtstuhls aus einer Kirche in Namur, die heute profaniert ist, oder eines herrlichen Brüsseler Renaissancepalastes, der 1931 ohne Not abgerissen wurde. Heute steht dort, nur fünf Fußminuten von der Ausstellung entfernt, die Anfang der fünfziger Jahre errichtete, längst selbst unter Denkmalschutz stehende Ravenstein-Einkaufspassage. Kulturbarbarei beschränkt sich nicht auf Feinde oder Kriegszeiten. Auch das lernt man hier.

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