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Brückenskulptur in Oberhausen : Leicht zu sein bedarf es wenig

Eine Einladung zum schwebenden Müßiggang: Tobias Rehbergers Brückenskulptur „Slinky springs to fame“ über den Rhein-Herne-Kanal in Oberhausen ist nicht nur ein Wunder an Leichtigkeit.

          3 Min.

          Das Ruhrgebiet ist das größtmögliche Gegenteil von Venedig, und doch hat es mehr Brücken: 9432 wurden im Jahr 2005 gezählt. Erst wurden sie aus Holz errichtet, dann aus Ziegeln, später aus Stein und Eisen, heute aus Stahl und Stahlbeton. Straßen-, Eisenbahn-, Rohrbrücken, Energietrassen und Viadukte - um Güter, Kohle, Erz, Gas, Öl, Strom, Maschinen und auch Menschen zu befördern, alles, was für den Kreislauf der Produktion gebraucht wurde. Wirtschafts- und Transportwege, die den Erfordernissen der Industrie folgten und durch die von ihr zerrissene Landschaft funktionale Verbindungen legten, wie es gerade sein musste, ohne Rücksicht auf Natur und Topographie.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Besonders auffällig aber sind die meisten Brücken hier nicht. Es sei denn vom Dach des Gasometers in Oberhausen, 117 Meter über der Emscher und dem Rhein-Herne-Kanal, zwischen denen, schmal wie eine Stricknadel, die Emscher-Insel läuft, bis sich weiter westlich die Wasserwege spreizen: Von oben eine Spielzeuglandschaft mit einer Brücke nach der anderen, für Autos, Strom und Gas, für S-Bahn, Güter- und Schnellzüge. Eine aber sieht wie ein echtes Spielzeug aus: Ein Spannband, zweieinhalb Meter breit und umwickelt von 496 Spiralen, die abwechselnd links und rechts, oben und unten aus der Mittelachse verschoben sind. Mit einer S-förmigen Rampe auf der einen und einer U-förmigen auf der anderen Seite schwingt sich die Skulptur über den Kanal auf eine Durchfahrtshöhe von, so schreibt es das Wasser- und Schifffahrtsamt vor, zehn Metern. Eine lebendige Schlange zwischen toten, zurechtgeschnittenen Ästen, nicht grau oder schwarz, sondern bunt schillernd. Eine Verführerin.

          Ein Wunder an Leichtigkeit

          „Slinky springs to fame“ nennt der Künstler Tobias Rehberger seine Fußgängerbrücke über den Rhein-Herne-Kanal, die den Kaisergarten, einen 1903 angelegten Bürgerpark hinter dem Schloss Oberhausen, und die Emscher-Insel mit Stadion Niederrhein, Schwimmbad und Sportplätzen verbindet. Nach dem amerikanischen Spielzeug „Slinky“, das, 1945 von dem Mechaniker Richard James erfunden, im Jahr darauf mit „springs to fame“ beworben wurde: Wenn man es anstößt, bewegt es sich wie von selbst treppab. Dieses Prinzip aufnehmend ist die Brücke mit einer ondulierten Spirale von fünf Meter Durchmesser aus Aluminiumhohlprofil umwickelt, die ausgerollt eine Länge von 7,8 Kilometern hätte.

          Brücken sind die Königsdisziplin der Ingenieurbaukunst; Rehberger aber ist ein Grenzgänger zwischen Bildhauerei, Design und Architektur. Das Tragwerk seines Entwurfs hat das Stuttgarter Ingenieurbüro Schlaich Bergermann und Partner als dreifeldrige Spannbandbrücke entwickelt und umgesetzt. Auf ein Minimum reduziert, ist es ein Wunder an Leichtigkeit: Zwei Blechbänder aus hochfestem Stahl sind über zum Kanal geneigte Stützen geführt, die resultierende Zugkraft wird über vertikale Zugstäbe in kräftige Widerlager abgetragen. Aufgeschraubte Betonfertigteile, an denen Spirale und Brückengeländer befestigt sind, dienen als Lauffläche.

          Das Kunststück als Selbstverständlichkeit

          Das Spannband ist 106 Meter lang, 62 Meter hängen frei über dem Kanal. Insgesamt bringt es die Brücke auf 406 Meter, denn für die Rampe auf der Emscher-Insel kommen 130, für die am Kaisergarten 170 Meter dazu. Wer sie von hier aus begeht, muss - bei einer konstanten Steigung von sechs Prozent - erst eine weite Kurve nach rechts, dann eine scharfe nach links nehmen, danach geht es gerade über den Kanal und in einer Schleife wieder hinunter. In der Mitte, wo sie leicht durchhängt, lässt die Brücke am stärksten ihre kalkulierte Schwingungsanfälligkeit spüren, die durch den wattigen, tartanbahnähnlichen Belag in sechzehn Farbtönen abgefedert wird. Ihre ästhetische Umwegrentabilität enthält eine Einladung zur Entschleunigung, ein Angebot zum Müßiggang, der die Äste touchiert und in Baumkronen blicken lässt. Der Fußgänger wird durch Springreifen geführt, bis er gar nichts mehr dabei findet - und wird nachts, wenn der Handlauf einseitig leuchtet und die Unterseiten der Spiralen wie fließender Stahl zu glühen scheinen, zum Darsteller in einem Lichtspieltheater. Das Kunststück als Selbstverständlichkeit.

          Sechs Monate nach ihrem Finale hat die Kulturhauptstadt Ruhr noch ein Feuer entzündet, dessen Brennkraft ihre eigene überdauern dürfte. Fünf Millionen Euro, doppelt so viel wie zunächst veranschlagt, hat die Brückenskulptur gekostet, achtzig Prozent davon sind Fördermittel der EU und des Landes. Doch nicht die hoch verschuldete Kommune, sondern die Emschergenossenschaft ist die Bauherrin, die das Jahrhundertprojekt der Renaturierung des zum Abwasserkanal verrohrten Flusses mit Kunstorten akzentuiert. Der Umstand, nicht den geradlinigen und schnellsten Weg zu nehmen, wird auch zur Übung, sich der Dominanz der Zweckdienlichkeit zu entziehen. Das 406 Meter lange Erlebnis, den Boden unter den Füßen zu verlieren, belohnt dafür.

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