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Bruce Nauman in Basel : Raus aus meinem Kopf

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Mit ehrfürchtigem Nicken gegenüber dem in dieser Woche verstorbenen Stephen Hawking könnte man sagen: Bruce Nauman baut Schwarze Löcher. Er stellt nicht etwas in den Rahmen, sondern schafft Kurzschlüsse. Eine Schauspielerin folgt in einem Video der Anweisung, sich vorzustellen, sie würde vom Boden verschluckt, und evoziert damit erst in ihrer Reaktion die Aktion, also die Bedrohung. Genauso wie der Clown in „Clown Torture“, der auf dem Boden liegt und dem Betrachter panisch „No! No! No!“ entgegenschreit. Der Kurzschluss setzt den Betrachter unter Druck. Die brutalsten Arbeiten sind die stillsten, schlichtesten, mit den einfachsten Mitteln: Man steht in einem Raum und Naumans Stimme flüstert wie ein Wahnsinniger: „Get out of my room / Get out of my mind“. Eine denkbar sparsame und effektive Antwort auf die Frage, was man als Künstler mit einem Raum und einem Betrachter machen kann: Es gibt nichts zu sehen. Man selbst wird zum Gegenstand der Arbeit beziehungsweise die eigene Anwesenheit und Aufenthaltsdauer. Fies ist auch, dass man der Anweisung gar nicht zuwiderhandeln kann: Irgendwann muss man ja dann tatsächlich wieder raus. Selbst wenn man die in den Wänden versteckten Lautsprecher zertrümmern würde, wäre der Anweisung genüge getan.

Es passt also statt des Baseballbildes vielmehr der andere von Nauman geäußerte Wunsch: dass seine Kunst funktioniere wie das Einknicken, das die Nervenstränge durchzuckt, wenn man eine Treppe hinabsteigt, noch eine Stufe erwartet, und dann ist da aber keine. Was am Baseballschlägerbild aber immerhin stimmt, ist die Direktheit von Naumans Werken, das Unkünstlerische, das Buchstäbliche: Es ist, was es ist. „Days“ heißt die als Satellit geführte Raumpassage drüben im Kunstmuseum, in der von hauchdünnen Monitoren sieben Sprecher die Wochentage durcheinander aufsagen. Solche Arbeiten reduzieren einen aufs bloße Menschsein wie Hans Holbeins Christus, der oben hängt. Aber ist man von diesem getroffen und zugleich getröstet, wegen der geteilten Heilsgeschichte und der Schönheit der Kunst, ist man von Naumans Werken nur getroffen und radikal allein. Daraus rührt dann wieder jene absurde Komik, die Nauman sich mit seinem Inspirator Beckett teilt.

Nauman selbst hat freilich schon lange aufgehört, sich was zu wünschen. Laut Chefkuratorin Kathy Halbreich ließ er zahllose Nachfragen des Teams unbeantwortet und hielt sich aus der Gestaltung weitgehend raus. Wie seit Jahren wies er auch in Basel jede Interviewanfrage zurück, sprach bei der Pressekonferenz genau eine Minute, um seinem Team zu danken, und war dann noch hin und wieder in den Räumen zu sehen, um gut gelaunt eine Installation zu prüfen. Dabei wirkte er ganz wie der bescheidene Rancher aus New Mexiko, wo er seit Jahrzehnten zurückgezogen auf einer Farm lebt und Pferde züchtet. Man sieht ihn in einer einstündigen Videoinstallation beim Einreiten eines Hengstes, in einer anderen beim Bau eines Zaunes. Auch das eine Antwort auf die Frage, wie wenig Kunst die Kunst braucht.

Je mehr sich Nauman als Mensch entzieht, desto stärker freilich auch der Vakuumeffekt seiner Kunst, in der er als Hohlform präsent ist. In Basel zeigt er eine neue Arbeit, für die er seine „Kontrapost“-Videoperformance mit Mitteln von heute wiederholt hat: Eine 3D-Kamera folgt ihm beim Gang durchs Atelier. Zwischen Kisten und Pizzakartons schleppt sich der nun 77-jährige, den Krebs überstanden habende Körper, die Hände hinter dem Hals verschränkt, vor und zurück. Während sich in der oberen Hälfte der Oberkörper schon umdreht, laufen in der unteren zeitversetzt die Beine noch weiter, und die rückwärtige Atelierwand entfernt sich unten, während sie sich oben nähert. Fünfzig Jahre sind vergangen. Bruce Nauman ist die ganze Zeit im Kreis gegangen. Von ihm zu lernen ist, dass die beste Kunst dann gelingt, wenn man einfach nur immer wieder versucht, die vorhandenen Werkzeuge zu verstehen: angefangen beim eigenen Leben.

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