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Töpfer Bruce Martin : Er weiß zu warten

Bruce Martin, 94 Jahre alt, vor einem Regal mit einigen seiner Töpferwaren Bild: Andreas Platthaus

Er brachte sich selbst das Töpfern nach japanischem Vorbild bei und baute sich dafür einen Ofen: Zu Besuch bei Bruce Martin, einem neuseeländischen Nationalschatz am anderen Ende der Welt.

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          An sein vier Hektar großes Grundstück grenzt ein kleiner Sportflughafen. „Gut so“, sagt Bruce Martin, „da kann hier kein weiteres Weingut errichtet werden.“ Rund um die neuseeländische Stadt Hastings boomt der Weinbau, nirgendwo im Land ist das Klima wärmer als in der Region Hawke’s Bay an der Ostküste der Nordinsel, und eines der renommiertesten Güter, Trinity Hill, liegt gleich um die Ecke von Martin – buchstäblich, denn vom State Highway 50, der Adresse von Trinity Hill, geht die Valentine Road ab. Als Martin und seine Frau Estelle hier 1969 ihr Grundstück kauften, war alles noch spottbillig, und Bescheidenheit galt als neuseeländische Primärtugend. Davon kündet heute noch das Hinweisschild an der Abzweigung zur Valentine Road. „Pottery“ steht darauf, kein Name. Dabei sind Estelle und Bruce Martin Berühmtheiten; ihr Wohnhaus und die gemeinsame Werkstatt gehören zu den wichtigsten Kulturstätten des Landes.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Beim Besuch im späten Februar flirrt die Luft vor Wärme, doch der vierundneunzigjährige Bruce Martin kommt uns winkend in der Hitze entgegen. Sieben Jahre lang hatten wir uns nicht mehr gesehen, und wenn man von einem so alten Menschen scheidet, fürchtet man, es könnte das letzte Mal gewesen sein. Doch Martin hat sich kaum verändert. Immer noch lebt er allein in dem ursprünglich für eine fünfköpfige Familie errichteten Wohnhaus in der relativen Abgeschiedenheit neben dem Flughafen. Estelle starb 2001, die drei Söhne der Martins waren da schon längst ausgezogen. Der Jüngste von ihnen, Craig, ist im vergangenen Jahr mit Mitte sechzig gestorben – ein unermesslicher Verlust für den greisen Vater, denn Craig war am intensivsten mit dem Werk der Eltern befasst. Er war es auch, der über Jahre hinweg in ganz Neuseeland Trödelmärkte besucht hatte, um Objekte aus der Frühzeit der Töpferei aufzukaufen.

          Für das junge Töpferpaar baute der beste Architekt

          Die brauchte Bruce Martin, denn er selbst hatte kaum noch Arbeiten aus den späten fünfziger und den sechziger Jahren, als er und seine Frau ihre Töpferwerkstatt etablierten. Da arbeitete sie noch als Buchhalterin und er als Radiologe, aber nach dem Besuch eines Ikebana-Kurses in der nahen Stadt Napier war es um Estelle geschehen: Sie begeisterte sich für japanische Ästhetik, und da es keine ihr zusagenden Blumenbehälter für die eigenen Arrangements gab, beschloss sie kurzerhand, selbst welche zu töpfern. Ihr Mann kam ins Spiel, weil er einen kleinen Brennofen baute und dann selbst Freude am Töpfern fand. Ihre Gefäße verkauften sie auf Märkten und in den damals aufblühenden craftshops – die Neuseeländer entdeckten in den sechziger Jahren das einheimische Kunsthandwerk, und in dieser Nation von Teetrinkern konnte man als Hersteller von entsprechendem Geschirr leicht sein Auskommen finden. 1965 machte das Ehepaar Martin sich selbständig, ein größerer ölbeheizter Brennofen sorgte dafür, dass die wachsende Nachfrage befriedigt werden konnte. Es lief so gut, dass sie sich ihr eigenes Grundstück kaufen und darauf Haus und Werkstatt bauen lassen konnten – und zwar nicht von irgendjemandem.

          Eine der von Bruce Martin eigenhändig mit Zweigen geschmückten Vasen in seinem Haus

          Als Architekten suchten sie sich John Scott aus, der damals in Neuseeland als originellster Vertreter seines Fachs galt. Heute, 28 Jahre nach seinem Tod, ist Scott eine nationale Legende; 2019 brachte der Verlag der Massey University in Auckland einen Prachtband über sein architektonisches Schaffen heraus. Auf dem Titelbild ist ein Detail des Werkstattgebäudes für die Martins zu sehen, und gleich drei der in einzelnen Kapiteln vorgestellten Gebäude hat Scott für sie errichtet: neben der Werkstatt das Wohn- und ein Wochenendhaus.

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