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Ausstellungsserie „Ruhr Ding“ : Eine Hamburgerin macht an der Ruhr ihr Ding

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Geschützter Raum: Hayden Fowler hat unter seiner Biokuppel in Recklinghausen verschwundene Pflanzenarten eingesät („Death of Worlds“). Bild: Daniel Sadrowski

Was wir jetzt brauchen, ist mutige Verzweiflung: Britta Peters kuratiert im Ruhrgebiet eine Ausstellungsserie über ökologisches und soziales Klima.

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          Als „Metropole Ruhr“ ist die Region an der Autobahn ausgeschildert, doch bei aller Dichte im Ballungsraum fühlen sich Herne und Recklinghausen, Herten und Gelsenkirchen so gar nicht nach Großstadt und weiter Welt an. Das müssen sie auch gar nicht. Das Ruhrgebiet sperrt sich gegen einfache Zuschreibungen. „Zwischen der Stadt“ nannte Thomas Janzen einmal etwas verquer und gerade deshalb sehr treffend einen Band über die „Ruhrgebietslandschaften“ von Albert Renger-Patzsch.

          Wenn auch reich gesegnet mit Museen und Kunstvereinen, hat sich im einstigen Kohlenpott in der bildenden Kunst eine (auch ökonomisch nennenswerte) Kunstszene nie etabliert, es gibt kaum Galerien von überregionaler Bedeutung. Dafür aber finden sich, gerade dieser Tage, genügend Führungskräfte an den richtigen Schaltstellen, die etwas Verbindendes auf die Beine stellen wollen und dazu die nötige Energie mitbringen. Dass die Manifesta im Jahr 2026 an die Ruhr kommt, ist ein enormer Erfolg dieser Bestrebungen, denn mit den Jahren hat sich die 1996 gegründete Wanderbiennale zu einer der interessantesten Großausstellungen in Europa entwickelt.

          Hinter der Bewerbung steckt auch die in Bochum ansässige Gesellschaft Urbane Künste Ruhr in Person ihrer Leiterin Britta Peters, die seit einigen Jahren ein bodenständiges Programm mit Kunst vor Ort verantwortet: Uneitel, fern von Glamour kommen ambitionierte Künstlerinnen und Künstler zum Zuge, die es anders als weithin bekannte Stars noch kennenzulernen gilt – ein Ansatz, vergleichbar mit dem des Aufsteigers VfL Bochum im Fußballgeschäft. Ihre kuratorische Mission zieht die Hamburgerin mit einer Ausstellungsserie unter dem Titel „Ruhr Ding“ durch, die sich über mehrere Jahre erstreckt; die soeben angelaufene Folge – deren Dauer wegen der Pandemie geschrumpft ist – widmet sich dem Klima sowohl in ökologischer als auch sozialer Hinsicht.

          Monster Chetwynd: „Der futurologische Kiosk“, Recklinghausen
          Monster Chetwynd: „Der futurologische Kiosk“, Recklinghausen : Bild: Daniel Sadrowski

          Einen starken, allerdings düsteren Akzent setzt Ari Benjamin Meyers am Hauptbahnhof in Gelsenkirchen. Der amerikanische Komponist verdunkelt ein verwaistes Ladenlokal mit Blick auf den Vorplatz durch graue Spiegelfolie und macht es zur Bühne für seine Soundinstallation „Forecast“: Erzählt wird eine Geschichte der Wettervorhersage seit dem neunzehnten Jahrhundert, in welche die tragische Biographie des Umweltaktivisten David Buckel eingewoben ist. Aus Protest gegen die Verwendung fossiler Brennstoffe hatte sich der Anwalt 2018 im Prospect Park in Brooklyn selbst verbrannt. Es lohnt sich zwecks Läuterung, das Drama mit seinem minimalistischen Soundtrack über die gesamten sechzig Minuten anzuhören. An einer Stelle benennt es als blinden Fleck einer jeden Zivilisation das Unvermögen, „sich ihren eigenen Untergang wirklich vorzustellen“, und empfiehlt „aktive, mutige Verzweiflung“.

          Monira Al Qadiri: „Future Past“, Recklinghausen
          Monira Al Qadiri: „Future Past“, Recklinghausen : Bild: Daniel Sadrowski

          Die manifest gewordenen Folgen jener dystopischen Erzählung macht eine Biokuppel sichtbar, die Hayden Fowler an der Weißkaue der stillgelegten Zeche General Blumenthal in Recklinghausen hochgezogen hat. Der Neuseeländer sät darin den Großen Klappertopf und den Breitblättrigen Merk, Nadel-Sumpfbinse, Mauer-Gipskraut und Blasen-Segge, insgesamt hundert Pflanzenarten, die einst zwischen Dortmund und Duisburg blühten, heute indes hier nicht mehr vorkommen; Herbizide und Insektizide haben ganze Arbeit geleistet. Natalie Bookchin sammelt private Homevideos, in denen Menschen in Zeiten von Covid-19 ihren Alltag dokumentieren, indem sie ihre Beatmungsgeräte filmen oder aus dem Fenster schauen, was die New Yorker Künstlerin über den Dächern von Herne, im zehnten Stock eines Penthouse, überzeugend als „Geisterspiel“ in Szene setzt.

          Wie dankbar wäre der Mensch für die Immunität gegenüber den Viren, die ausgerechnet der Fledermaus zu eigen ist. Für deren Ehrenrettung setzt die britische Künstlerin mit dem sprechenden Namen Monster Chetwynd in der Recklinghäuser City ein Zeichen. Die Fledermaus verbrauche kaum Ressourcen und lebe in Symbiose mit anderen Spezies, lernt man an ihrem „Futurologischen Kiosk“, und: Sie bestäubt mehr als fünfhundert Pflanzenarten.

          Ruhr Ding: Klima. An diversen Orten im Ruhrgebiet; bis zum 26. Juni. Kein Katalog.

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