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Kulturgutschutzgesetz : Wut, Hysterie und Hybris

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Ein diskretes Milieu steigt auf die Barrikaden: Sammler und Kunsthändler wehren sich gegen ein neues Kulturschutzgesetz. Aber protestieren sie wirklich gegen eine „Nationalisierung“ deutscher Kunst? Oder verteidigen sie nur ihre Privilegien?

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          Was für ein hitziger Monat für die Kunst, ihre Händler, Sammler und Freunde. Seitdem ein vorläufiger, nicht freigegebener Entwurf eines novellierten Kulturgutschutzgesetzes in der Presse geschickt dramatisiert wurde, steht die deutsche Kunstwelt Kopf. Unsicherheit und Wut herrschen unter den Kunsthändlern, von kalter Enteignung war unter Sammlern die Rede. Der Galerist Michael Haas fühlte sich in einem offenen Brief gar an das Ermächtigungsgesetz erinnert und sieht willkürliche Enteignungen wie in der Nazizeit am Horizont, käme das Gesetz durch.

          Worum geht’s? Ist Monika Grütters von der CDU zur KPD gewechselt, werden bald Villen durchsucht wie 1933? Ganz klares Nein. Der Entwurf des Kulturschutzgesetzes fasst bestehende Regeln zusammen und setzt internationale Vereinbarungen um. Die wichtigste Änderung ist die schärfere Einfuhrkontrolle. Nun muss man mit einer Ausfuhrgenehmigung selbst nachweisen, dass man seinen Cäsarenkopf rechtmäßig aus Syrien ausgeführt und nicht etwa dem IS abgekauft hat – der Antikenhandel zur Terrorismusfinanzierung ist ein Riesenproblem geworden, niemand kritisiert diese Maßnahme.

          Der Aspekt, in dem die Kunsthändler und Sammler eine unzulässige Nationalisierung der deutschen Kunst sehen, ist sechzig Jahre alt. Das „Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung“ von 1955 greift heute nur bei der Ausfuhr eines Werkes aus der EU, da es keine Zollgrenzen innerhalb der EU mehr gibt. Fährt man mit Kunst in die Schweiz oder nach Russland, gilt: Ein Gemälde, das älter ist als fünfzig Jahre und wertvoller als 150000 Euro, muss man sich erst genehmigen lassen. Steht das Objekt dann auf einer der von den Ländern verwalteten Liste „national wertvollen Kulturgutes“, muss es in Deutschland bleiben.

          Es geht hier um Besitz, nicht um Identität

          Das trifft auf kaum ein Kunstwerk zu. Die ganze Liste umfasst 2700 Objekte, die allermeisten sind eh im Museum. Die Ausfuhrgenehmigung wird deshalb fast immer ohne Probleme erteilt und dauert meist nicht länger als ein paar Stunden. Anstatt diese Liste nun weiter zu führen, will Grütters alle deutschen Museumsbestände automatisch als Kulturgut eintragen, was ein paar Vorteile hat, vor allem aber weniger Arbeit macht. Sie will damit auch verhindern, dass noch einmal kapitale Werke aus öffentlichen Sammlungen ins Ausland verkauft werden, wie 2014 die beiden Warhols der Westspiel, einem Unternehmen im Besitz des Landes Nordrhein-Westfalen. Mit einer Nationalisierung von Kunst hat das wenig zu tun: In deutschen Museen hängen ja auch italienische Canalettos und niederländische Rembrandts, die trotzdem national wichtig sind. Es geht hier um Besitz, nicht um Identität.

          Warum haben die deutschen Sammler solche Angst? Weil sie fürchten, dass auch bei der Ausfuhr in ein EU-Land ihr Kunstbesitz registriert und eventuell als national wertvoll eingeschätzt wird. Dann könnten sie es zwar immer noch verkaufen, aber nur innerhalb Deutschlands, was einen Wertverlust bedeuten könnte. Dass das zutrifft, ist sehr unwahrscheinlich. Wenn der Staat es mit dem Gesetz auf ein Abgreifen von möglichst viel Großkunst abgesehen hätte, könnte er das heute schon längst tun: nämlich bei der Ausfuhr aus der EU.

          Dennoch zog der Maler Georg Baselitz seine Leihgaben aus deutschen Museen ab, weil er fürchtet, dass man sie automatisch zum Kulturgut erklären könnte. Das aber ist Quatsch, weil Leihgaben auch in Zukunft jederzeit zurückgenommen werden können. Aber der Quatsch ist nun einmal in der Welt und richtet großen Schaden an. Sammler rufen ihre Händler an, Künstler ihre Galeristen. Genaues weiß keiner, man regt sich aber schon mal vorsorglich auf. Grütters’ Entwurf stellt ein echtes Kommunikationsproblem dar – sie darf das bisher nicht ins Netz stellen, die Gerüchte kursieren aber weiter. Die Wut lässt nicht nach, im Gegenteil, sie wächst. Und spricht man dann etwa mit einem von Baselitz’ Galeristen, stellt man fest, dass er die Gesetzentwürfe nicht kennt.

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