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Bonner Rhein-Ausstellungen : Und fließt und fließt und fließt

Zwei Bonner Ausstellungen folgen dem Rhein durch die Geschichte. Sie zeigen ihn selbst als unerschöpflichen Mitschöpfer von Klöstern, Kunstwerken und Industriekathedralen.

          So sahen ihn die Alten gern: als Flussgott mit Weinlaub im Haar, als bärtigen Barden, der die Fidel streicht, umlagert von seinen Töchtern und Söhnen, Allegorien der anrainenden Länder und Städte, deren Wappen und Wahrzeichen sie tragen. Mit „Vater Rhein“, einem Gemälde von Moritz von Schwind aus dem Jahr 1848, einer der vielen Studien, die der Künstler zu diesem Sujet geschaffen hat, eröffnet die Ausstellung „Der Rhein. Eine europäische Flussbiographie“ in Bonn, und die (zwei Jahre später entstandene) „Rheinische Sinfonie“ von Robert Schumann erklingt dazu. So spätromantisch, so spätbiedermeierlich holt die Bundeskunsthalle ihre Besucher ab. Als hätte anno 1848, gerade auch entlang des Rheins, nicht eine andere Musik gespielt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Monumentalschinken, 220 mal 465 Zentimeter groß, ist Entree und Einstimmung, „Vater Rhein“ (1953) von Max Ernst und „Rhein I“ (1996) von Andreas Gursky rangieren, obwohl auch keine Miniaturen, als Seitenstücke: ein surrealistisches Rätselbild das eine, das andere eine digital bearbeitete Fotografie, die den Ort nicht preisgibt. Davor steht eine Vitrine, die die Zeitachse legt: Das „Doppelgrab von Bonn-Oberkassel“, die 1914 entdeckten Skelette einer Frau und eines Mannes aus der Zeit vor rund 14.000 Jahren: die Eiszeitjäger als Vorläufer einer Zivilisation, die danach von jungsteinzeitlichen Ackerbauern überprägt wurde.

          Was der Rhein ist und war

          Das komplexe Thema ist damit angerissen. Die Siedlungs- und die Kunstgeschichte sind zwei seiner Aspekte, und die Herausforderung einer Ausstellung besteht darin, für die Fülle des Materials eine Erzählung zu entwickeln, die es nicht ausufern lässt. Der Fluss kennt das Problem, seiner „Navigation und Verbauung“ gilt das erste Kapitel: wie er über die Jahrhunderte gebändigt und begradigt wurde, von den Regalien des Frankenkönigs Chlodwig im Jahr 510, vom Deich- und Polderbau am Niederrhein im dreizehnten Jahrhundert oder von der 1876 abgeschlossenen Regulierung des Oberrheins nach den Plänen des Karlsruher Ingenieurs Johann Gottfried Tulla. Eingriffe in die Natur sind das, die dem Fluss seine große wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung gewinnen halfen.

          Der Rhein ist und war vieles: Wasser- und Handelsstraße, Band für den Austausch von Gütern, Wissen und Ideen, Grenze und Verbindungslinie, Tor in die Neue Welt, Lebensader und Wohlstandsquelle, Romantik und Mythos, „schöne Pfaffengasse“ (Kaiser MaximilianI.), „Europas Jordan“ (Heinrich Heine), „Völkermühle“ (Carl Zuckmayer).

          Der chronologische Rundgang beginnt mit dem „Strom der Römer“, die ihn, mit Bezug auf sein Delta, als „bicornis“, als zweihörnigen Gott, verehrten und darstellten, wie es der Teil eines Grabsteins zeigt. Es folgen der „Strom der Kirche“ mit Ansichten von karolingischen Klostergründungen und Kathedralen, mit Reliquien und Evangeliaren, darunter die prachtvolle Handschrift von der Reichenau, der „Strom der Kaiser“ – mit der Weltchronik des Rudolf von Ems oder der Grabplatte Rudolfs I. – und der „Strom der Händler“: Stadtpanoramen von Basel, Straßburg und Köln werden ausgebreitet, Seide oder ein Kokosnusspokal bezeugen weltweite Verbindungen, bibliophile Kostbarkeiten den kulturellen Austausch.

          Entdeckungen, alte Bekannte und Lücken

          „Festungen und Residenzen“ markieren mit Bildern von Kastellen und Kaiserpfalzen, Folge des Friedensvertrags von 1648, den Rhein als Grenze, und sie spiegeln, wie Versailles zum Vorbild der höfischen Repräsentanz wird. Das Rheingold, aus dem, gewaschen am Oberrhein, die Großherzöge von Baden zwischen 1807 und 1814 fast 30000 Dukaten prägen ließen, wächst zum nationalen Mythos – nach der Wiederentdeckung der Handschriften des „Nibelungenlieds“ 1755, die Künstler und Komponisten inspiriert. „Marianne und Germania“ stehen mit Freiheitsbäumen und Stadtschlüsseln für die „Franzosenzeit“ (1794 bis 1813) in den linksrheinischen Gebieten, der Ernst Moritz Arndt mit seiner Schrift „Der Rhein. Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze“ den Kampf ansagt.

          Der Gang durch die Ausstellung, die ein blauer Raumteiler als Welle durchkurvt, hat selbst etwas von einem Flussverlauf, Vitrinen stehen wie Inseln im Strom. Mehr als dreihundert Exponate, Kunstwerke und Alltagsgegenstände, Fossilien und Fotos, Geräte und Gefäße, Möbel und Manuskripte, Preziosen und Plakate umfasst der von Marie-Louise von Plessen angelegte Parcours, der Entdeckungen machen und alte Bekannte wiedersehen lässt. Auch Überraschungen wie das Foto „Rheinfall mit Kanzel und Springer“ (2005) von Michael Lio stellen sich in den Weg.

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