https://www.faz.net/-gqz-yrgx

Bonn zeigt Byzanz : Engel im Sturm

Warum haben unsere Vorfahren die Byzantiner so sehr verachtet und bekämpft? Und warum sind wir heute so von ihnen fasziniert? Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt den Glanz von Byzanz und vergisst dabei, die ganze Geschichte zu erzählen.

          4 Min.

          Wären wir Untertanen des griechischen Basileus - des einzig wahren Erben der Augusti und Traiani, des „naturnotwendigen“ Kaisers, wie der Patriarch von Konstantinopel noch kurz vor dem Untergang seiner Stadt an den Großfürsten von Moskau schrieb -, dann lebten wir heute im Jahr 7518. Gerechnet, versteht sich, seit der Erschaffung der Welt, die der byzantinische Kalender auf den 1. September 5509 vor Christus datiert. Die Byzantiner wussten das alles ganz genau, schließlich lebten sie ja in dem Reich, auf das die Schöpfungsgeschichte naturnotwendig zulief. Deshalb nannten sie sich auch nicht Byzantiner, sondern „Rhomäer“, Römer. Und ihre Stadt hieß zwar von Geburt Konstantinopolis, aber im offiziellen Schriftverkehr nur „Nea Rhomé“, neues Rom, und bei den Leuten auf der Straße einfach „die Stadt“. Acht Jahrhunderte lang war sie die Metropole Europas. Dann kamen die Kreuzfahrer und eroberten sie. Es ist wahr: Nicht Omajjaden und Seldschuken, sondern Christen haben das Reich zerstört. Die Türken gaben ihm nur den Gnadenstoß.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Bonner Ausstellung „Byzanz - Pracht und Alltag“, die am vergangenen Freitag in der Bundeskunsthalle eröffnet wurde, musste also zwei Fragen beantworten: Erstens, warum wir Westeuropäer - in Gestalt unserer in Burgen und Klöstern hausenden Vorfahren - die Byzantiner so sehr verachtet und bekämpft haben. Und zweitens, warum wir - oder jedenfalls unsere kulturwissenschaftlichen Eliten - heute von Byzanz so fasziniert sind, dass wir ihm unsere Geschichtsmuseen öffnen.

          Zauberkraft der Langlebigkeit

          Die erste Frage wird von den Bonner Ausstellungsmachern glatt ignoriert. Sie umgehen sie wie ein lästiges geschichtspolitisches Hindernis. Sie tun so, als wäre zum Thema „Byzanz und der Westen“ seit langem alles gesagt und die alte Kulturfeindschaft sowieso nur ein Missverständnis. Als stünde nicht die Ablösung von Ostrom am Beginn der abendländischen Kaiser- und Kirchengeschichte. Als hätte die Metropole am Bosporus nicht von Liutprand von Cremona bis Guido Westerwelle als Inbild spätrömischer Dekadenz und orientalischer Perfidie herhalten müssen. Als wären nicht „die Franken“ in Konstantinopel noch verhasster gewesen als die Osmanen.

          Stattdessen konzentrieren sich die Kuratoren der Byzanz-Schau auf die zweite, weniger heikle Frage nach der Faszination. Sie geben zwar keine klare Antwort darauf, aber sie legen ein paar deutliche Fährten. Da ist zum einen die Zauberkraft der Langlebigkeit. Nach dem Untergang Westroms dauerte Byzanz noch tausend Jahre fort, ohne seine kulturelle Matrix wesentlich zu verändern. Ein Marmorrelief aus der thessalischen Provinzstadt Lamia, entstanden um 1250, zeigt einen Lyra spielenden Kentauren und eine Tänzerin. Damals regierten fränkische Grafen in Athen und Korinth, und in der Hagia Sophia wurde lateinisch gepredigt. Siebenhundert Jahre zuvor, als Justinian gerade die Goten aus Italien verjagte, schuf ein spätantiker Meister die Elfenbeintafel mit der Figur des gelockten Erzengels, der wie ein christlicher Apoll mit Stab und Schwinge das Himmelstor bewacht. Der Engel ist klassizistisch raffiniert, der Kentaur grob und körperlos, aber das Bildprogramm bleibt das gleiche: christliche Inhalte in antiken Formen.

          Von Sizilien bis Sutton Hoo

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Polens Präsident Andrzej Duda lässt sich am Wahlabend feiern.

          Prognosen zur Präsidentenwahl in Polen : Knapper Vorsprung für Amtsinhaber Duda

          Das könnte noch umschlagen: Auf Andrzej Duda entfallen laut Prognosen bei der Stichwahl ums Präsidentenamt 51 Prozent der Stimmen, sein Herausforderer erhält 49 Prozent. Trotz der Ungewissheit hält Duda eine Siegesrede. Die Opposition will das Wahlergebnis anfechten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.