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Boltanski-Ausstellung : Schweigen, das einem Tosen gleicht

  • -Aktualisiert am

Christian Boltanski: Erinnerungen Souvenirs Memories. Bild: Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Hans-Georg Merkel

Denn das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung: Der Künstler Christian Boltanski macht Zwangsarbeiter in Völklingen sicht- und hörbar. Seine Ausstellung ist ein Mahnmal.

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          Ist es eine Gegenwelt, die Christian Boltanski als Mahnmal für die Zwangsarbeiter des Ersten und Zweiten Weltkriegs in das Unesco-Weltkulturerbe Völklinger Hütte setzte? Eine Gegenwelt zur Wirklichkeit der Arbeiter von damals? Dort, wo unter ohrenbetäubendem Lärm Schwerstarbeit geleistet wurde, in diesen ehemaligen Sinteranlagen, zusätzlich unter Gluthitze und einem sengenden, geradezu apokalyptischen Staubascheregen, erleben wir nun eine beklemmende Stille. Sie wird durch die im Flüsterton verlesenen Namen noch beklemmender. Namen? Das sind die der ehemaligen Zwangsarbeiter. Zwischen hohen und massiven Wänden aus gestapelten gleich großen verrosteten Metallkästen mit Registriernummern betritt der Besucher durch einen relativ schmalen Gang einen sechs Meter hohen und achtzehn Meter langen nüchternen Archivraum. Er trägt die deutlichen Altersspuren des Vergänglichen und eines künftigen Vergessens. An seinem Ende, dort, wo zwei weitere Gänge nach links und rechts abzweigen, stapeln sich dunkle Mäntel zu einem hohen Kleiderhaufen.

          Man kann nicht umhin, an die emotionslose behördliche Registrierung von Menschen, Toten und Sammeldepots von Dingen zu denken – eine Registrierung, die lautlos an Schreibtischen getätigt wurde und an anderer Stelle in die Konzentrationslager und Gaskammern führte. Zum beklemmenden rasterförmigen Innenraum-Erlebnis tritt die fühlbare Kälte der überhohen Maschinenräume dieses stillgelegten Eisenhüttenwerks. Sie gehört nicht zur Inszenierung. Aber die tatsächliche Kälte trägt dazu bei, dass das, was wir optisch und akustisch erleben, nicht nur ein inneres Frösteln auslöst.

          Für heutige Besucher befindet sich der „Erinnerungsort“ für die Zwangsarbeiter in einem menschenbedrohenden Maschinenlabyrinth, erreichbar über verschiedene Metallstiegen, offene Maschinenräume mit gigantischen Walzrädern, einer Außenbrücke zwischen Schornsteinen und Stahlträgerkonstruktionen. Die reale Eisenhüttenanlage wird als Kulisse empfunden. Sie ruft unweigerlich Fritz Langs expressionistischen Stummfilm „Metropolis“ in Erinnerung. Vergleichbar der monumentalen Fabrikmegalopolis im Film liegt sie in der Unterstadt wie in einem Kessel. Früher sollen von dort glühende Rauch- und Staubwolken aus den Schornsteinen aufgestiegen sein. In einem anderen Teil des vielstöckigen ehemaligen Eisenhüttenwerks dokumentieren Fotos die bewachten Kolonnen der Zwangsarbeiter auf dem Weg zur oder von der Schichtarbeit als eine dunkle anonyme Masse.

          In der Ausstellung in der Völklinger Hütte.

          Christian Boltanski arbeitet mit festen Versatzstücken. Aus vorangegangenen Installationen bekannt sind die Metallkästen und deren Reihung zu Mauern; die an elektrischen Kabeln rhythmisch von der Decke hängenden nackten Glühbirnen, die punktuell ein diffuses kaltes Licht in einem dunklen Raum erzeugen. Auch das Flüstern und immer wieder die Stapel von Kleidungsstücken, diesmal dunkle ungetragene Mäntel. Dieser Unterschied zu den ehemals getragenen Kleidungsstücken ist ihm, wie er sagt, jetzt wichtig. Er löse sich von personenbezogenen Requisiten, die immer auch den Gedanken des Reliquienkults mit sich tragen. Die Völklinger Hütte wird zu Boltanskis archäologischem Echoraum. Er gilt dem Erinnern an 1446 Zwangsarbeiter im Ersten und 12 393 im Zweiten Weltkrieg – Männer und Frauen. Selbst einige Kleinkinder, die während des Krieges in der Gefangenschaft zur Welt kamen, waren darunter.

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