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Bode-Museum kauft Schutzmantelmadonna : Ein Schatz von dunkler Herkunft

Das Bode-Museum hat aus einem Wiener Privatbesitz ein Hauptwerk des spätmittelalterlichen Bildschnitzers Michel Erhart erworben. Allerdings ist die Provenienz trotz sorgfältiger Prüfung nicht lückenlos geklärt.

          In Zeiten explodierender Kunstmarktpreise stehen Museen, die ihre Bestände nicht nur verwalten, sondern auch sinnvoll ergänzen und erweitern wollen, vor einem Problem. Die Ankaufetats sinken gegen null, die Fördervereine, selbst die der größeren Museen, können die vom Markt verlangten Summen kaum noch aufbringen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wenn die Sammlungen nicht auf dem Stand von vor zehn oder zwanzig Jahren erstarren sollen, müssen ihre Hüter jede Gelegenheit nutzen, neue Objekte zu erwerben oder Stifter dafür zu gewinnen. Zwei Beispiele für die Chancen und Schwierigkeiten, die sich für die Museen aus dieser Lage ergeben, sind jetzt im Berliner Bode-Museum zu besichtigen.

          Großzügige Schenkung

          Der erste Fall ist rasch erzählt. Im vergangenen Sommer entdeckte der Direktor des Hildesheimer Dom-Museums, Michael Brandt, bei einem Kunstsammler in seiner Stadt eine hochmittelalterliche Altarfigur. Er schrieb sie dem wegen seiner einstigen Vergoldung auch als „Goldene Tafel“ bekannten Mindener Altar zu, der seit 1909 zur Skulpturensammlung im Bode-Museum gehört.

          Brandt konnte den Besitzer dazu bewegen, die Eichenholzfigur dem Museum zu schenken. Seit vorgestern steht der gut zwanzig Zentimeter große, mit einer Tunika bekleidete namenlose Heilige nun wieder in der rechten unteren Seitennische der Altarpredella, neben zweiundzwanzig weiteren Figuren, die von ursprünglich doppelt so vielen Holzstatuetten in Berlin erhalten sind – ein Geschenk aus heiterem Himmel, wie es sich jedes Museum nur wünschen kann.

          Günstiger Einkauf

          Der zweite Fall ist komplizierter. Der Kaiser-Friedrich-Museumsverein hat vor kurzem für das Bode-Museum aus Wiener Privatbesitz eine Statuette der Muttergottes mit dem Jesuskind des Ulmer Bildschnitzers Michel Erhart (um 1440 bis 1522) erworben.

          Erhart, der unter anderem die Figuren des Blaubeurer Hochaltars schuf, war einer der bedeutendsten Künstler der süddeutschen Spätgotik; seine Schutzmantelmadonna aus Ravensburg gehört zu den Spitzenstücken der Berliner Skulpturensammlung. Auch Erharts Muttergottes ist ein Kunstwerk erster Ordnung; die psychologische Feinheit ihrer Gesichtszüge, die Anmut ihrer Haltung, die naturalistische Eleganz des Faltenwurfs ihres Kleides sprechen für sich.

          Eine besondere Schlüssigkeit bekommt der Ankauf dadurch, dass die Holzstatuette mit größter Wahrscheinlichkeit als Modell für die 1482 entstandene „Silbermadonna“ des Augsburger Goldschmieds Heinrich Hufnagel diente, die 1803 für die königliche Kunstkammer erworben wurde und zum Gründungsbestand des Bode-Museums gehört.

          In den letzten Jahrzehnten wurde Erharts Muttergottes mehrfach in Ausstellungen gezeigt; bei der Wiedereröffnung des Bode-Museums im Jahr 2006 war sie bereits, so wie jetzt wieder, in unmittelbarer Nachbarschaft der Silbermadonna von Hufnagel zu sehen. Der Kaufpreis von hundertzwanzigtausend Euro liegt am untersten Ende dessen, was die Statuette tatsächlich wert ist. So weit die guten Nachrichten.

          Ein arisiertes Werk?

          Die schlechte Nachricht betrifft die Provenienz des Kunstwerks. Sie ist, um es vorsichtig zu sagen, ungeklärt. Übelmeinende könnten sie als verdächtig bezeichnen. Denn der erste nachgewiesene Besitzer des Werkes war bis zu seinem Tod Mitte der fünfziger Jahre der Wiener Kunsthistoriker und -händler Franz Kieslinger. Kieslinger aber, der die Statuette im Jahr 1930 erstmals beschrieben und in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Pantheon“ sogleich als Modell für die Hufnagel-Madonna identifiziert hatte, spielte nach 1938 eine Hauptrolle bei der Arisierung jüdischen Kunstbesitzes in Österreich.

          Im Kriegsjahr 1940 ging er in die Niederlande, wo er zum Sammelverwalter der bei „feindlichen“, sprich: jüdischen Besitzern beschlagnahmten Kunstobjekte ernannt wurde. Von Kieslinger stammt etwa die Behauptung, das französische Rokoko gehe auf den „urmännlichen, deutschstämmig-germanischen“ Rubens zurück. Über die Entnazifizierung Kieslingers und seiner privaten Kunstsammlung ist nichts bekannt.

          Blinder Fleck in der Provenienz

          Was bedeutet das für die Erhartsche Muttergottes? Laut Kieslingers Aufsatz von 1930 befand sie sich, nachdem sie einige Jahre zuvor in einem kleinen Ort in der Steiermark aufgetaucht war, damals „in einer Wiener Privatsammlung“. Das kann bereits die Kieslingersche oder auch eine andere, später möglicherweise arisierte Kollektion gewesen sein. Vorbesitzer des Werkes aber sind nicht bekannt; auch Recherchen des Zentralarchivs der Staatlichen Museen brachten keine weiteren Namen zutage.

          Als Arisierer hat Kieslinger vor allem die Ausraubung jüdischer Besitzer moderner Malerei, etwa des Kabarettisten und Schauspielers Fritz Grünbaum, betrieben; mit Sammlungen alter Kunst hatte er offenbar weniger zu tun. Zudem hätte Kieslinger vor dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 reichlich Zeit gehabt, die Statuette legal zu erwerben. Doch das sind alles Vermutungen ohne schriftliche Grundlage. Ein makelloser Herkunftsnachweis für das Erhartsche Kunstwerk ist bislang nicht zu erbringen.

          Zumindest in Zukunft ist die Provenienz klar

          Für „den unwahrscheinlichen Fall einer Restitution“ hat der Vorstand des Museumsvereins eine Art Ausfallbürgschaft entwickelt: Ihre Unterzeichner müssten bei einer Rückgabe der Statuette den Kaufpreis aus eigenen Mitteln in die Vereinskasse zurückzahlen. Dennoch ist diese Erwerbung unter Vorbehalt ein Glücksfall nicht allein für das Bode-Museum. Denn auf dem Kunstmarkt wäre ein Werk wie das von Erhart gerade wegen seiner unklaren Provenienz womöglich rasch in irgendeiner Versenkung verschwunden.

          Jetzt dagegen kann man es im hellen Tageslicht in Ernst von Ihnes Prachtbau auf der Museumsinsel bewundern, neben der vergoldeten Silberstatuette, der es vor fünfhundert Jahren als Vorbild diente. Eine Gelegenheit, die man nutzen sollte, so lange sie sich bietet.

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