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Bode-Museum in Berlin : Ein unaufdringlicher Triumph

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Auf Schritt und Tritt begegnet der Besucher Meisterwerken und kann Bekanntschaft mit ihnen schließen. Denn jedes Objekt ist so geschickt plaziert, daß der Betrachter eine wunderbare visuelle und emotionale Beziehung herstellen kann. Hunderte von Sockeln wurden eigens angefertigt, um eine optimale Präsentation zu ermöglichen. Das Ergebnis ist ein unaufdringlicher Triumph: Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf den Kunstgegenstand. Arne Effenberger und seine Mitarbeiter haben unsere Glückwünsche und unseren Dank verdient. Dieser Ansatz kommt besonders den sakralen Arbeiten zugute, vor allem jenen, die für private Andachtsräume gedacht waren. Der kleine fragmentarische Torso des Gekreuzigten von Giovanni Pisano etwa befindet sich in genau der Höhe, daß das geneigte Haupt und der gequälte Leib ein Maximum an Pathos erzeugen, wenn man sich näher vorbeugt und schaut, ob das Leiden des Gekreuzigten vorbei ist und die Augen schon im Tod geschlossen sind. Der Bildhauer schickte sich um 1300 an, dem Betrachter die namenlose Passion der Kreuzigung vor Augen zu führen, den schieren physischen Preis der Erlösung - was ihm dank der geschickten Präsentation noch heute gelingt.

In einer Glasvitrine wäre das alles verloren

Wo immer möglich, sind die Werke frei zugänglich, nicht hinter Glas, ohne Absperrung, eine couragierte Entscheidung, die das emotionale Erlebnis des Betrachters verwandelt. Die Dangolsheimer Muttergottes des Niclaus Gerhaert von Leyden, in Straßburg um 1465 entstanden, zieht uns gleichsam in die üppigen Falten ihres schützenden Mantels, wenn wir das Kind betrachten, das sie zur Anbetung präsentiert. In einer Glasvitrine oder hinter einem Absperrseil wäre das alles verloren.

Selten, sehr selten wird ein Museum nach seinem Gründungsdirektor benannt. Doch Wilhelm von Bode, der den Bau und die Ausstattung des Museums leitete und dessen Namen das Kaiser-Friedrich-Museum erhielt, als das Haus in den fünfziger Jahren wiedereröffnet wurde, war kein gewöhnlicher Direktor. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts revolutionierte er die Präsentation der europäischen Kultur, indem er in seinem Museum Skulptur, Malerei und Kunsthandwerk an einem Ort zeigte, um die Ästhetik einer Epoche und den Geist eines Zeitalters lebendig zu machen. Hundert Jahre später sind die historischen Sammlungen des V&A und amerikanischer Museen eine bleibende Erinnerung an Bode und sein Berliner Haus, das bis 1939 überlebte, als die Bestände sicherheitshalber ausgelagert wurden.

Ein Weltwunder hätte entstehen können

Sollte in dem neueröffneten Bode-Museum davon wieder etwas zu spüren sein? In den letzten Jahren wurde leidenschaftlich darüber diskutiert. Eine getreue Rekonstruktion des Bodeschen Ensembles stand natürlich außer Frage. Das wunderbare Tageslicht im Erdgeschoß ist oft zu stark, als daß heutige Kuratoren es riskieren würden, hier Möbel oder Textilien auszustellen, und da nicht alle Räume klimatisiert sind, können hochempfindliche alte Bildtafeln nicht gezeigt werden. Gleichwohl hatten viele von uns gehofft, daß die bedeutenden Schätze der Gemäldegalerie und des Kunstgewerbemuseums nun weitestmöglich mit den Skulpturen kombiniert werden könnten. Auf diese Weise würde zweifellos ein Weltwunder entstehen. Berlin könnte die europäische Kunst des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts wie kein anderer Ort präsentieren.

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