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Bode-Museum in Berlin : Ein unaufdringlicher Triumph

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Die Ausstellungsobjekte sind beispiellos. Die Sammlung, am Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen Ost und West aufgeteilt, wurde in dem für sie bestimmten Haus wieder zusammengeführt - mit allem, was in den zurückliegenden sechs Jahrzehnten hinzuerworben wurde. Das Ergebnis ist die größte und umfassendste Präsentation europäischer Skulptur, ein Haus, in dem man durch die Geschichte der europäischen Skulptur wandern kann - vom Untergang Roms und den frühen Jahren des Byzantinischen Reichs bis hin zum Aufklärungsoptimismus des Friderizianischen Berlins. Alle großen europäischen Länder sind repräsentiert. Nur das Victoria and Albert Museum in London und der Pariser Louvre versuchen etwas Ähnliches, haben es aber nicht gewagt, derart viele Objekte zu versammeln. Das V&A präsentiert sehr viel weniger, und im Louvre sind die nationalen Schulen so weit voneinander entfernt, daß von einer den ganzen Kontinent verbindenden Geschichte nichts zu spüren ist. Auch sind die glanzvollen süddeutschen Kapitel der Geschichte dort deutlich unterrepräsentiert. Man kann mit Fug und Recht sagen, daß Europa im neuen Bode-Museum seine ästhetische, religiöse, intellektuelle und politische Geschichte erstmals in dreidimensionaler Form lesen kann.

Manche Besucher mögen sich natürlich auf die pure Schönheit der zahlreichen Meisterwerke konzentrieren. Wer sich aber nach Verrocchios „Schlafendem Jüngling“, hingegossen in nackter Schönheit, Riemenschneiders „Auferstandenem mit Maria Magdalena“ zuwendet, wird zwei verschiedene europäische Gedankenwelten erblicken, beide um 1490 entstanden, beide formvollendet im Ausdruck, und sogleich von ihrer Kraft und Dynamik gepackt werden. Leygebes Figur des Großen Kurfürsten (1683) als drachentötender heiliger Georg verkörpert auf vollkommene Weise das schicksalhafte Überleben und die Expansion Brandenburgs im Chaos des Europas in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts - schicksalhaft zumindest, was Brandenburg anging. Daß der Kurfürst den Hosenbandorden trägt, der ihm von Karl II. von England verliehen worden war, erinnert den Betrachter auch daran, daß Brandenburg eine protestantische Großmacht geworden war. Und das kleine, nur 28 Zentimeter hohe Objekt ist nicht in der pompösen Bronze gearbeitet, für die Ludwig XIV. sich gewiß entschieden hätte, sondern in hartem, nüchternem (soll man sagen: Bismarckschem?) Eisen. Ein klareres Resümee vom Deutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg ist kaum vorstellbar.

Am Ende dieser Geschichte: die Marmorbüste einer Frau

Am Ende dieser Geschichte steht ein nicht minder eloquentes Symbol einer neuen Welt: Houdon, der berühmteste Porträtist Frankreichs und ganz Europas, schenkt uns die Marmorbüste von Dorothea von Rodde-Schlözer, die als erste Frau in Deutschland den Doktorgrad der Philosophie erlangte und deren intellektueller und literarischer Salon im Lübeck der Aufklärung eine dominierende Rolle spielte. Ihr selbstbewußter bürgerlicher Gesichtsausdruck verweist darauf, daß die Geschichte, die ein paar hundert Meter weiter in der Alten Nationalgalerie fortgesetzt wird, eine ganz andere Geschichte sein wird.

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