https://www.faz.net/-gqz-6m7wf

Bildwelten des Geistes in Dresden : Bin ich denn mein Gehirn?

Die Schau „Images of the Mind“ im Hygiene-Museum in Dresden erkundet Bildwelten des Geistes aus Kunst und Wissenschaft.

          4 Min.

          „Wie ein Entomologe auf der Jagd nach farbenprächtigen Schmetterlingen, so jagte ich im Garten der grauen Zellen all jenen hinterher, die sich durch ihre zarten und eleganten Formen auszeichneten ... Denn sogar ein ästhetisch geschulter Blick entdeckt im Nervengewebe unvergleichliche Schönheiten.“ Dass dieser Bericht aus der Frühzeit der modernen Neurowissenschaft stammt, erkennt man an der Evokation einer Farbenpracht, die damals noch als rhetorische Steigerung der Beschreibung eingesetzt werden konnte. Mittlerweile freilich strahlen die grauen Zellen in allen Farben, und es braucht kaum den Hinweis, dass in die geläufigen Bilder von Gehirnprozessen- und Strukturen einige ästhetische Effekte eingehen.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Santiago Ramon y Cajal hielt die zarten und eleganten Formen, denen seine Aufmerksamkeit galt, dagegen vor über hundert Jahren noch in filigranen Federzeichnungen fest. Einige dieser faszinierenden Blätter kann man nun in einer Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden, die sich „Bildwelten des Geistes aus Kunst und Wissenschaft“ widmet, genauer betrachten.

          Neben nicht weniger anziehenden Zeichnungen seines Zeitgenossen Camillo Golgi, der die Färbemethode entdeckt hatte, mit der die Zellen zum ersten Mal überhaupt sichtbar gemacht werden konnten. Golgi sah auf seinen eingefärbten Schnitten unter dem Mikroskop ein diffuses Netzwerk, das er als Teil eines einzigen Organs ins Auge fasste. Cajal heftete sich an eben die zarten Formen, entdeckte die synaptischen Verbindungen und eröffnete den Weg zum Verständnis von Aufbau und Funktionsweise der Neurone.

          Nur einige Schritte weiter kann man in Dresden sehen, wie sich diese Neurone in rechnergestützten Darstellungen heute ausnehmen. Bunt wächst es da in all Richtungen und wird zum dichten Wald, durch den die Software den Betrachter surfen lässt; oder auch im Bild, das einen winzigen Ausschnitt der Nervenzellen aus den kortikalen Kolumnen einer Maus zeigt, die im großangelegten „Blue Brain“-Projekt rechnerisch simuliert werden. Und natürlich finden sich auch die Bilder, die einige neuronale Organisationsebenen weiter oben ansetzen: von Aktivitätsmustern, Faserverläufen, Diffussionswellen oder auch Rezeptorverteilungen für bestimmte Transmitterstoffe im Gehirn.

          Von Cranach bis Beckmann

          Aber die Absicht der Dresdner Ausstellungsmacher ist durchaus nicht, diesen Neuro-Bildern einfach die Bühne zu überlassen. Es geht viel eher darum, die Vorstellung in Schach zu halten, dass wir mit ihnen schlichtweg ein Fenster zum Geist und damit zum Kernbereich unseres Selbst gefunden hätten. Was auf den Bildern zu sehen ist, wird bündig erläutert, während Beiträge im exzellent gemachten Katalogbuch die bildgebenden Verfahren kritisch justieren und die Idee vom Gehirn als eigentlichem Statthalter des Ich auf Distanz bringen.

          Auf anschauliche Weise tut dies die Schau, indem sie historische Perspektiven auf Bilder des Geistes eröffnet und die Kunst ins Spiel bringt. Eine kleine Auswahl von Porträts und Ausdrucksstudien - von Cranach dem Älteren über Rembrandts kleinformatige Radierungen bis hin zu Max Beckmann und zeitgenössischen Arbeiten - steht an ihrem Beginn. Und weil es dann mit den Versuchen weitergeht, den Geist dingfest zu machen und das Gehirn als seinen organischen Sitz zu bestimmen, steht man auch gleich vor Werken, die diese Vorstellungen spielerisch konterkarieren.

          Weitere Themen

          Killermaschinistinnen vor!

          Video-Filmkritik: „Terminator 6“ : Killermaschinistinnen vor!

          Der sechste Film der „Terminator“-Reihe ignoriert die Teile drei, vier und fünf zugunsten einer gigantischen Karambolage zahlreicher Gegenwartsprobleme und Zukunftsaussichten: „Terminator: Dark Fate“ ist ein Katalog der Körperpolitik für Menschen und Maschinen.

          Topmeldungen

          Die typische Landschaft des Teufelsmoor bei Worspwede bei Bremen.

          Bedrohte Moorgebiete : Die unterschätzten Klimaretter

          Die Moore sind gefährdet. Immer mehr dieser Feuchtgebiete trocknen aus. Dabei sind sie für das Erdklima mindestens so wichtig wie unsere Wälder, wie zwei aktuelle Studien belegen.
          Mario Draghi und seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

          Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

          Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi, der am 31. Oktober abtritt, auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

          Video-Filmkritik: „Terminator 6“ : Killermaschinistinnen vor!

          Der sechste Film der „Terminator“-Reihe ignoriert die Teile drei, vier und fünf zugunsten einer gigantischen Karambolage zahlreicher Gegenwartsprobleme und Zukunftsaussichten: „Terminator: Dark Fate“ ist ein Katalog der Körperpolitik für Menschen und Maschinen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.