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Museen als Bildungsträger : Schüler in die Kunstausstellung!

  • -Aktualisiert am

Barockkind und Schulkind: Aufnahme im Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Bild: dpa

Jugendliche kartografieren ihre Städte heute entlang von Kaufhäusern und Shopping Malls. Museen fehlen auf der Liste. Das muss sich ändern. Ein Gastbeitrag.

          Zehn Jahre ist es schon wieder her, dass nach den großen Unruhen in den Banlieues von Paris Slammer und Rapper aus diesen Bezirken in den Louvre eingeladen wurden. Bei einer Veranstaltung mit der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison trugen sie dort ihre Texte vor Gemälden der Sammlung vor. Man hätte gerne genauer erfahren, was die Jugendlichen vor dem Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix aus dem Jahr 1830 zu sagen hatten – vor jenem Bild also, das den Barrikadenaufstand der sogenannten Julirevolution verherrlicht.

          Die Geschichte des Bildes weist Parallelen zur Gegenwart auf: Der Aufstand nämlich besiegelte das endgültige Ende der Bourbonen in Frankreich, verhalf dem Bürgertum zu einer neuen Machtposition und strahlte in viele Länder Europas aus. Die politischen Veränderungen, die auf die Julirevolution folgten, prägten die modernen Gesellschaften, die auch das Kunstmuseum als öffentliche Institution etabliert haben. Die jungen Rapper schienen wie ein Nachhall der Revolution, die Delacroix in das Bildgedächtnis Europas so anschaulich eingeschrieben hat. Die Jugendlichen heute forderten die umfassende Teilhabe an den bürgerlichen Rechten.

          Mangelnde Bildungsgerechtigkeit

          Bei der Veranstaltung, die von Toni Morrison für den Louvre konzipiert worden war, handelte es sich um eine Ausnahme. Denn weder in Frankreich noch in Deutschland sind Kunstmuseen gegenwärtig verpflichtend Lernorte schulischer Bildung. Ihr Besuch im Rahmen des Kunstunterrichts ist zwar erwünscht, und es gibt viele Museen, die mit Schulen zusammenarbeiten; das jüngste Beispiel ist das vom Kölner Wallraf-Richartz-Museum angestoßene Projekt „Republik der Kinder“, das sich an Grundschüler wendet und für das die Gemälde in einem Saal der Barocksammlung zwanzig Zentimeter tiefer gehängt wurden, der Körpergröße der jüngeren Besucher entsprechend.

          Projekt „Republik der Kinder“: Seit vergangener Woche hängen im Wallraf-Richartz-Museum barocke Gemälde zwanzig Zentimeter tiefer.

          Doch aus den unterschiedlichsten Gründen verlassen noch immer zahlreiche junge Menschen die Schule, ohne je in einem Kunstmuseum gewesen zu sein. Das widerspricht allen Anstrengungen, Kindern, jenseits des Bildungshintergrunds der Eltern, die Teilhabe am kulturellen Erbe zu ermöglichen. Selbst an den Schulen, wo Kunstunterricht stattfindet und auch historische Kunstwerke behandelt werden, lernen Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern zumeist ausschließlich Reproduktionen kennen. Mit Bildungsgerechtigkeit hat das nichts zu tun.

          Eine neue Bedeutung

          Bildungsgerechtigkeit ist also der erste Grund, warum der Museumsbesuch fest im Schulunterricht verankert werden sollte. Aber es gibt noch weitere: Kaum ausgeschöpft werden nämlich bisher, zweitens, die Potentiale der Kunstmuseen für andere Fächer. Der Politikunterricht etwa kann das Museum als zentrale Institution moderner Gesellschaften und westlicher Demokratien beleuchten; der Sachkundeunterricht an den Grundschulen kann hier ansetzen. Fächer wie Deutsch, Englisch oder Geschichte können sich hier die Anschauung holen. Es gilt, jungen Menschen Museen als Orte des Wissens, der Welterkundung und der kulturellen Debatten vorzustellen. Hier finden sie, wenn man es ihnen denn zeigt, das Bildgedächtnis unserer Gesellschaft. Hier lassen sich ästhetischer Eigensinn sowie Eigenlogik von Kunst und Fiktion erfahren.

          Der dritte Grund: Öffentliche Kunstmuseen sind zentrale Institutionen der modernen Gesellschaften. Die europäische Moderne ist nicht vorstellbar ohne Kunstmuseen in öffentlicher Trägerschaft, ohne die – im Wortsinn – Veröffentlichung der ererbten Schätze von Kunst und Kultur. Seit der Aufklärung und insbesondere seit der Französischen Revolution wurden bis dahin fürstliche Schätze, in Frankreich allen voran die königlichen Sammlungen im Louvre, dem Volk zugänglich gemacht. In England, wo die königlichen Sammlungen im Besitz der königlichen Familie blieben, beeilte man sich, ebenfalls ein staatliches Kunstmuseum zu eröffnen, die National Gallery. Damit einher ging, dass viele Objekte eine neue Bedeutung gewannen.

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