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Bildhauer Tony Cragg : Der Kompost ist organisiert

  • -Aktualisiert am

Kunst am und im Kopf: Das Duisburger Museum Küppersmühle zeigt eine fabelhafte Werkschau des englischen Bildhauers Tony Cragg. Im Louvre kommt auch noch der kuriose Franz Xaver Messerschmidt dazu.

          „Dinge im Kopf“ heißt der Titel einer fabelhaften Werkschau von Tony Cragg, die die Stiftung für Kunst und Kultur im Duisburger Museum Küppersmühle präsentiert. Und um den Kopf geht es auch in dem aktuellen Rendezvous zwischen Skulpturen Craggs und Köpfen Messerschmidts im Pariser Louvre. Bereits vor einigen Jahren hatte das Wiener Belvedere Messerschmidt und Tony Cragg zusammengeführt. Man spürte, dass diese Begegnung Präzises über den Bildhauer auszusagen vermag, der seit kurzem die Düsseldorfer Kunstakademie leitet. Denn offensichtlich kommen weder Mienen, noch die Variationen einer Form je an ein verbindliches Ende. Sie spielen alle mit dem, was Craggs Werk bestimmt: der Jagd nach immer Formen, die in sich wiederum ungezählte Blickpunkte einschließen.

          Verwirrung aus Stalagmiten und Stalaktiten

          Es gilt für dieses Festhalten am Kopf, was Antonin Artaud dem Spott über Giacomettis Hinwendung zum Porträt entgegensetzte. André Breton hatte abschätzig geurteilt, dass inzwischen doch jeder wisse, was ein Gesicht sei. Deshalb sei es auch nicht weiterhin berauschend, sich um Physiognomisches zu kümmern. Dem widersprach Artaud, der sich in seinen eigenen großformatigen Zeichnungen in quälerische Gedanken und Emotionen von Gesichtern einwühlte, mit der Feststellung, dass das menschliche Antlitz seinen Ausdruck noch nicht gefunden habe: „Das menschliche Gesicht spricht und atmet seit Tausenden von Jahren, und dennoch hat man den Eindruck, dass es noch nicht begonnen hat, das zu sagen, was es eigentlich ist und was es weiß.“

          Es geht nicht um Lavatersche Gewissheiten und um eine normative, fassbare Skala der Charaktere, die rasch in die gefährliche Nähe von Eugenik und Rassismus führen. Craggs fließende Formen, die wie Sturzbäche, wie eine Verwirrung aus Stalagmiten und Stalaktiten die Volumen richtungslos machen, liefern in den überdachten Innenhöfen des Louvre einen erregenden Kommentar zur barocken Monumentalskulptur Frankreichs des siebzehnten, achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Hier antworten die berühmten, schnaubenden Pferde von Marly oder die waghalsigen Torsionen der Corneille van Clève, Nicolas Coustou, Barye oder Edme Bouchardon den Inventionen von Tony Cragg, „Elbow“, „Ferryman“ oder dem blutroten „Versus“.

          Demonstration gegen Rechthaberei

          Immer spürt man bei den verknautschten Figuren Craggs, die zwischen der Erscheinung von Netzen, Baumkuchen, endloser Säule und Zellwucherungen schwanken, die Dekonstruktion, der Franz Xaver Messerschmidt das menschliche Gesicht unterwirft und die den Ausdruck zwischen klassizistischer Formstrenge und Akrobatik baumeln läßt. Bei diesem Face à Face fehlt der Bremsweg. Es kommt hier wie da immer wieder zur Karambolage mit dem Betrachter; man könnte von einem Raumneid der Skulpturen sprechen, die sich nicht mit ihren eigenen Grenzen zufriedengeben wollen. Das lässt an die Vehemenz des Barock denken und an die futuristische Skulptur, die, wie bei Boccioni, ihre Kontur durchbricht. Doch bleibt bei den Futuristen das Sehen weiterhin an einer Formvorstellung gebunden, die wir ins uns tragen. Man sucht, wie bei der Begegnung mit Anamorphosen, nach dem günstigsten, dem richtigen Blickwinkel. Diesen unterdrückt Tony Cragg.

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