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Bilbaos neues Kulturzentrum : Wer möchte nicht einmal baden wie König Midas?

  • -Aktualisiert am

Weil Frank O. Gehry sich den Wünschen der Stadtverwaltung Bilbaos widersetzte, steht sein Guggenheim-Museum an den Ufern des Río Nervión und nicht auf dem Areal des Weinlagers Alhóndiga. Dieses ist jetzt von Philippe Starck in ein sehenswertes Kulturzentrum verwandelt worden.

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          Den „Bilbao-Effekt“ hätte es vielleicht niemals gegeben, wenn Frank O. Gehry alle Wünsche der Stadtverwaltung erfüllt hätte. Der Kalifornier sollte das Museum Guggenheim zunächst nämlich nicht an den Ufern des Río Nervión errichten, wo es mittlerweile unverkennbar die Stadtsilhouette prägt. Die Stadtpolitiker dachten vielmehr an das brandgeschädigte, in der Zeit des modernismo von Ricardo Bastida gebaute Weinlager, die Alhóndiga.

          Den Politikern war das denkmalgeschützte Gebäude mit seinen 43.000 Quadratmetern inmitten der Innenstadt eine Last. Gehry, fixiert auf sein Markenzeichen, die zerklüfteten metallischen Wirbelbauten, verweigerte die Lastübernahme, baute das Guggenheim auf seine Art und schenkte Bilbao seinen Touristenmagneten. Seit einiger Zeit aber hat die Stadt nun beides – den glitzernden Titantempel und die als Kultur- und Freizeitzentrum auferstandene Alhóndiga. Denn den Stadtpolitikern war in der Folgezeit die gleichfalls dem modernismo entsprungene Tuchfabrik in Barcelona aufgefallen, die der Japaner Arata Isozaki erfolgreich in ein Museum der Gegenwartskunst, das CaixaForum, verwandelt hat.

          Er hält nichts von Architektur

          Bilbaos Bürgermeister Iñaki Azkuna bemüht sich seit elf Jahren um den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt. Ein Mittel dafür sieht er in der – meist in Vieraugengesprächen ausgemachte – Vergabe von Bauaufträgen an Stararchitekten wie Zaha Hadid, Richard Rogers, Arata Isozaki, César Pelli, Álvaro Siza und Rafael Moneo. Das sind, zusammen mit dem Zugpferd Frank O. Gehry und dem Metro-Erbauer Sir Norman Foster, immerhin sechs Pritzker-Preisträger fürs relativ kleine Bilbao. Folgerichtig erhielt die Stadt im Mai dieses Jahres den angesehenen Lee Kuan Yew World City Prize.

          Mit dem Auf- und Umbau des historischen Weinlagers sollte die Riege der Stararchitekten nun um den Franzosen Philippe Starck, den König der internationalen Designerszene, erweitert werden. Starck kam und verliebte sich in das Gebäude, wie er jetzt einem andächtig lauschenden Hofstaat in Bilbao verkündete. Dass er kein Architekt ist und sogar offen zugab, von Architektur nichts zu halten, tat der Eintracht zwischen Bürgermeister Azkuna und ihm keinen Abbruch – ein großer Namen musste her, um der Stadt mitten im spanischen Immobiliendesaster anhaltenden Aufstieg zu sichern.

          Erwartungsgemäß sind bei der neu-alten Alhóndiga die architektonischen Eingriffe eher gering, während ihr Design spektakulär hervorsticht. Das Architektenteam um Starck entschied, das denkmalgeschützte Mauerwerk mit seinen markanten Ecktürmen zu restaurieren und das Innere zu entkernen.

          Ein ganz privates Sanktuarium

          Die Idee, in der riesigen, von markanten Stahlträgern gestützten Halle drei große Kuben für eine Mediathek, Kino- und Gymnastiksäle einzuhängen, war sinnvoll. Doch warum wählte man dafür Klinkerwände in glatter, unsinnlicher Modulbauweise und geschmäcklerische Bogenfenster? Auch schweben die Kuben nicht wirklich über dem Boden, sondern werden von dreiundvierzig mächtigen Säulen abgestützt, die der italienische Bühnenbildner Lorenzo Balardi in einen postmodernen Märchenwald verwandelte, in dem kein Stamm dem anderen gleicht.

          Das von Philippe Starck gestaltete Dachgeschoss zeugt gleichfalls mehr vom Designerhang zu Extravaganz als von originellen architektonischen Einfällen. Insbesondere das Schwimmbad, das die gesamte Längsseite der Alhóndiga einnimmt, wirkt, als habe sein Schöpfer sich ein ganz privates Sanktuarium geschaffen – der nachträglich aufgesetzte Raumkörper ist von hohen Bogenfenstern gerahmt, und über dem Schwimmbecken breiten selbst tagsüber hundert Rundleuchten matten Goldschimmer über das Wasser. Während das Dachgeschoss samt seiner weitläufigen Terrasse ganz den Freizeitaktivitäten vorbehalten ist, präsentiert das Untergeschoss Kunst und sucht so den Marktwert Bilbaos als baskische Kulturmetropole zu festigen.

          Die Cafeteria, ein eher unscheinbarer Raum beim sechstausend Quadratmeter großen Foyer, entpuppt sich als das wahre Kleinod der Alhóndiga. Für sie mobilisierte Starck seine gesamte gestalterische Phantasie. In scharfem Kontrast sind Stühle aus Industriematerialien und Tische aus Spanplatten mit dem stromlinienförmigen, edel chromblitzenden Starck-Design kombiniert. Diese Spannung von Industrieaskese und preziösem Kunsthandwerk hätte der gesamten Alhóndiga gutgetan.

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