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Ausstellung „Infosphäre“ : Wer ist hier Sklave, wer Herr?

  • -Aktualisiert am

Das multimediale Kunstereignis „Infosphäre“ widmet sich der Digitalen Revolution und macht Big Data erlebbar. Leider weisen nur wenige Werke über das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie in Karlsruhe hinaus.

          Gemaltes findet man in dieser Ausstellung zwar wenig, doch bei der Installation „Manifesto“ kann man zumindest dem Zeichenprozess eines Künstlers beiwohnen: Eine in Stein gehauene Hand gleitet über eine weiße Wand und hinterlässt eine wirre Holzkohlespur. Die Hand ist getrennt von Körper und Geist, durchbohrt von einem Nagel. Doch weder dieses neutestamentliche Motiv noch der Zufall leiten deren Schaffen. Vor der Leinwand steht ein Containerschiff aus Hartplastik. Blinkend wie ein Server, empfängt es die Handelsdaten der Lloyd’s of London und sendet diese via Lankabel an die Hand, die das Börsengeschehen in ein endloses Kohleknäuel übersetzt. „Manifesto“ stammt von Thomas Feuerstein, doch das Bild hat einen anderen Urheber: die sprichwörtlich unsichtbare Hand des Marktes – eine etwas plakative Allegorie auf die vermeintlich willkürliche Verteilung von Waren und Wohlstand durch den globalen Börsenhandel.

          Die Ausstellung „Infosphäre“ ist eine der zentralen Veranstaltungen des dreihunderttägigen Kunstereignisses Globale, das das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe inszeniert. Die Kernthemen sind die Globalisierung, die Peter Weibel, der Kurator, Renaissance 2.0 nennt, sowie die digitale Revolution. Der Beginn des digitalen Zeitalters wird auf 2002 datiert, jenes Jahr, in dem erstmals mehr Informationen digital als analog gespeichert wurden. Mittlerweile verdoppelt sich das weltweite Datenvolumen etwa alle zwei Jahre. Eine rasante Entwicklung, zumal wenn man bedenkt, dass die Loslösung von Botschaft und Bote erst vor 150 Jahren durch Heinrich Hertz’ Entdeckung der elektromagnetischen Wellen ermöglicht wurde: „Sie können sich vorstellen, was in 300 Jahren los ist“, prophezeit Weibel bei der Eröffnung. Er spricht von der Mathematisierung der Welt; von der Idee, dass alles, was mit null und eins bezeichnet und berechnet werden kann, beweisbar ist. Vor allem aber spricht er von der Hoffnung, dass seine Arbeit die Probleme, die die Digitalisierung mit sich bringt, verständlich machen kann. Der Anspruch der Medienkunst müsse sein, die Freiheit des Handelns trotz Big Data zu vermitteln.

          Nicht alle Werke sind durchschaubar wie Spiegel

          Am Anfang des Jahrtausends fand Weibel auch den Neologismus Infosphäre für das technische Netzwerk aus Telefonie, Television, Satelliten und Internet, das den Globus immer engmaschiger umspannt. Damit sei die Infosphäre ein Pendant zur Atmosphäre und ebenso unabdingbar für die existentiellen Bedürfnisse von mehr als sieben Milliarden Menschen: „Wenn die Lunge die Antwort der Evolution auf die Atmosphäre ist, ist das Smartphone die Antwort auf die uns umgebende Infosphäre“, so der Medientheoretiker. Dieses interaktive Kultur- und Medienerlebnis will hinterfragen, wie der unkontrollierbare Verkehr von Daten eine Gesellschaft verändert und welche Rolle das Individuum dabei noch spielt.

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          Eine Antwort bietet die „!Mediengruppe Bitnik“. Sie programmierte einen Algorithmus, der im Darknet für ein Budget von 100 Bitcoins illegale Einkäufe tätigte: Ecstasy-Pillen, gefälschte Turnschuhe und den Scan eines ungarischen Passes hat das Programm zufallsbasiert eingekauft. Die Einkäufe werden als Videoinstallation auf drei Bildschirmen gezeigt, der blitzblanke Hintergrund erinnert an Werbung. Ähnlich poliert mutet die Arbeit „Dandelion Mirror“ des Künstlers Scottie Chih-Chieh Huang an: Eine hinter einem Spiegel angebrachte Kamera mit Gesichtserkennung überträgt den Ausdruck desjenigen, der sich in ihm betrachtet, mittels eines Biosensors in einen digitalen Löwenzahn: Lacht der Betrachter, öffnet sich die Blume auf dem Spiegel; wer grimmig schaut, sieht nur die geschlossene Knospe. Doch die glatten, verspiegelten und vor allem mit Touchscreenfunktionen ausgestatteten Oberflächen täuschen nicht über den Anspruch der Ausstellung hinweg. Zwar vernachlässigt die „Infosphäre“ den Themenkomplex der Überwachung, doch vom 3. Oktober an will die ZKM-Ausstellung „Global Control and Censorship“ diesbezüglich nachlegen.

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