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Biennale : Zu unentschieden: Banal grande in Venedig

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Was für ein Kunstsommer hatte das werden sollen! Die schönste Documenta aller Zeiten wurde uns versprochen - und für den deutschen Biennale-Pavillon nicht weniger als eine Weltsensation. Und dann das. Peter Richter aus Venedig.

          Am Anfang dachte man noch, das ist die Ruhe vor dem Sturm. Aber dann ließ der Sturm auf sich warten. Eine seltsam schwüle Biennale ist das also diesmal: Da freuen sich seit Jahren alle darauf, dass es diesen Sommer kulminiert, dass alles, was bisher schon nur in Superlativen zu fassen war in der sogenannten Kunstwelt, sich bloß als Vorschein entpuppen wird, als Vorschein dessen, was jetzt noch kommt, weil ja auch der Kunstmarkt bester Dinge weiter wächst und das allgemeine Interesse an der Gegenwartskunst erst recht; und weil vorab schon die schönste Documenta aller Zeiten versprochen wurde und für den deutschen Biennale-Pavillon nicht weniger als eine Weltsensation.

          Und dann das: In Venedig gehen die berüchtigten Preview-Tage los, und es ist nicht nur weniger aufregend als erwartet, alles ist auch gleich eine ganze Nummer bescheidener als bei den letzten Biennalen. Das gilt übrigens für das Partydrumherum genauso wie für die Kunst in vielen der Länderpavillons und ganz besonders in der zentralen Ausstellung, von der man sich ja am ehesten den Anspruch erwarten darf, einen gewissen Stand der Dinge zu formulieren. Und hier wird nun dieses Jahr deutlich, wie die Kunst den messianischen Erwartungen, die inzwischen auf ihr lasten, tendenziell begegnet, nämlich durch Flucht in die Introversion.

          So sieht das aus. Wie vor zwanzig Jahren

          Unter einem Titel, der so auch über einem Ayurvedakurs stehen könnte, nämlich „Think with the senses, feel with the mind“, feiert der dafür zuständige Kurator Robert Storr eine Kunst, die sich zunächst einmal lieber mit sich selbst als mit irgendetwas anderem beschäftigt. Da folgt tatsächlich auf einen Saal mit wie immer vorbildlich weißen Abstraktionen von Robert Ryman einer mit wunderschönen neuen Abstraktionen (die, der Schabetechnik wegen, eigentlich auch Subtraktionen genannt werden könnten) von Gerhard Richter - und darauf einer mit geometrischen Abstraktionen von Ellsworth Kelly.

          So sieht das aus. Wie vor zwanzig Jahren. Nur eben heute. Und das Problem dabei ist nicht, dass Storr dem Jugendkult der letzten Jahre ein Ende setzt und lieber die neuen Arbeiten von kanonisierten Altmeistern zeigt oder dass er die Kunst, die zuletzt ja vor allem mit dem Ausufern und Rahmensprengen beschäftigt war, sehr entschlossen wieder hinter extraschöne Museumsrahmen zurücksperrt - dazu hat er als Museumsmann, der er lange war, genauso das Recht, wie er sich als selber praktizierender Maler für Fragen wie die nach den skulpturalen Qualitäten der letzten Filzstiftbilder von Louise Bourgeois interessieren darf.

          Das haben wir schon mal gesehen - letztes Mal

          Auf beunruhigende Weise symptomatisch ist nur, dass ausgerechnet jetzt in Venedig über weite Strecken ein Abschied in die Abstraktion und ins Malerei-Fachgespräch zelebriert wird: In dem Moment, wo der bildenden Kunst endlich mehr oder weniger die Rolle einer Leitdisziplin unter den Umgangs- und Erkenntnisformen dieser Welt eingeräumt wird; wo ihr Dinge zugetraut und zugemutet werden wie noch nie zuvor: da zieht sie sich lieber wieder auf sich selbst zurück - wie jemand, der eigentlich befördert werden soll, aber lieber erst einmal ein Sabbatical nimmt, um mit sich selbst ins Reine zu kommen.

          Es gibt allerdings auch Fälle, in denen sich die Welthaltigkeit eher noch verstärkt, wenn sich die Kunst nur konsequent genug auf ihre mythischen Kerngeschäfte zwischen Vergegenwärtigung, Daseinsbehauptung und Trauerarbeit besinnt, etwa bei der bemerkenswerten Renaissance des lange ausrangiert geglaubten Genres Porträt, wovon in den Arsenale gleich drei bemerkenswerte Beispiele hängen: Die Amerikanerin Emily Prince zeichnet seit 2004 alle „American Servicemen and Women who Have Died in Iraq and Afghanistan (But not including the Wounded, nor the Iraqis nor the Afghanis)“.

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