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Biennale von Venedig : Einigkeit und Recht und Zombies

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Imhof hat früher als Türsteherin eines Frankfurter Clubs gearbeitet, und die matte Stimmung in ihren Inszenierungen hat etwas von erschöpften Afterhours („wie Berghain mit offenen Jalousien“ schrieb jemand auf Facebook). Ist das die Kunst einer Generation? Es ist vor allem der Look einer bestimmten Szene. Er signalisiert Zeitgenossenschaft. Aber dafür hat Imhof den Goldenen Löwen für den besten Pavillon nicht bekommen, eher für die radikale Transformation der Räume und dafür, dass sie „dringende Fragen unserer Zeit aufwirft“, so die Begründung der Jury. Susanne Pfeffer, die Imhof nach Venedig gebracht hat, erkennt in „Faust“ eine existentielle Dimension. „Die stummen Schreie zeugen vom Schmerz des zunehmenden Verschwindens des Lebendigen, der Zombisierung des kapitalisierten Körpers. (. . .) Die Körper der Performer sind auf das nackte Leben reduziert“, schreibt Pfeffer, und man stolpert über diesen Satz, hier an der Lagune von Venedig, wo die Kunstwelt sich alle zwei Jahre trifft. Leute, die von ihrem gesunkenen Schlauchboot aus nach Lampedusa schwimmen, sind auf das nackte Leben reduziert, aber bezahlte Performer auf der renommiertesten Biennale der Welt? Pfeffer meint offenbar, dass die Akteure das, was sie tun, auch allegorisch tun. Sie repräsentieren den Menschen der Gegenwart, der nicht mehr der des Humanismus ist: „So erscheinen die dressierten und fragilen Körper wie von unsichtbaren Machtstrukturen durchzogenes Material.“

Junge Körper, die zum Vergnügen eines Publikums gequält werden: in Italien ruft das natürlich die Assoziation zu Pasolinis Film „Die 120 Tage von Sodom“ wach. Dazu die herrschaftlich-kalte Pracht des Pavillons, die Gitter, die bedrohlichen, eleganten Hunde, die Farbe Schwarz als bevorzugte Farbe der Accessoires dieser ambitionierten Inszenierung. Der maximierte Voyeurismus der Podeste an der Wand, auf denen die Performer ausgestellt sind wie lebende Plastiken, der massive Glasboden, unter dem sie herumkriechen – all das dient dazu, die Bühne zu vervielfältigen, die Aufmerksamkeit zu verteilen, einen Zustand der Erwartung zu erzeugen. Das Dumme ist, dass dann oft gar nichts Interessantes geschieht. Das Publikum erdrückt den Raum. Man gafft, wird Zuschauer eines Spektakels – ein Voyeur, kein Betrachter. Wenn das so gewollt ist, dann funktioniert das prima. Was am Deutschen Pavillon wirklich irritiert, ist nicht der slicke Umbau des Nazikunsttempels oder die offene Form des Stücks, sondern der raunende Essentialismus um diese Performance, der schon im Titel angelegt ist: als wäre dieser „Faust“ ein Drama über das Menschsein im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Das Menschsein an sich gibt es aber nicht.

Wenn Imhof ihre jungen, ansehnlichen, in kreativen Berufen tätigen Darsteller auf das Dach und auf den Zaun setzt, dann „erobern und besetzen die Performer den Raum, das Haus, den Pavillon, die Institution, den Staat“, so die Kuratorin. Denn „allein im Zusammenschluss als Gruppe von Körpern und in der Besetzung von Raum kann sich Widerstand formieren“. Es ist doch ein Widerspruch, gleichzeitig Zombie und widerständig sein zu wollen. Und wenn wir alle Opfer des Kapitalismus sind, wer ist dann der Täter? Wie kommt die Kuratorin Susanne Pfeffer darauf, dass sich in einem Pavillon, der vom deutschen Staat und von deutschen Großunternehmen finanziert wird und vom Außenminister eröffnet wurde, irgendein Widerstand entfalten kann oder sollte?

Wohl weil er dringend gebraucht wird. Er wird so sehr gebraucht, weil er ein notwendiges Diskurs-Accessoire ist, wie die Antifa-T-Shirts der Einlasswächterinnen am Eingang des Pavillons. Es gibt eine tiefe Sehnsucht der sich als politisch verstehenden Gegenwartskunst nach Widerständigkeit und innerlicher Opposition, während man äußerlich die etablierten Strukturen bedient und nutzt. „Faust“ ermöglicht es dem Publikum, eine diffuse Melancholie über eine vermeintlich entleerte, zombiehafte Gegenwart zu spüren und dann genauso weiterzumachen wie bisher. Imhofs Clubkid-Abschiebelager ist so gesehen tatsächlich die perfekte Repräsentation der Kulturnation: draußen kläffen Wachhunde, drinnen ist man von sich selbst ergriffen. Deutscher geht es nicht.

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