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Biennale von Venedig : Einigkeit und Recht und Zombies

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Umso mehr fragt man sich, was das ganze betuliche Zeug drum herum eigentlich soll. Aber was soll’s, man muss weiter und zwei Videos sehen: die auf dem Wasser trommelnden schwarzen Kolumbianer bei Marcos Ávila Forero und die ekstatischen Hippies im psychedelischen Film „Liminals“ des Kanadiers Jeremy Shaw. Charles Atlas lässt zu 43 Sonnenuntergängen eine Dragqueen von den kaputten Vereinigten Staaten erzählen, was schöner ist, als es sich anhört (und berechtigterweise einen Preis bekam). Richtig abgefahren wird es aber erst bei den Pavillons der Nationen. Bei den Italienern hat Kuratorin Cecilia Alemani statt der üblicherweise zahlreichen Künstler nur drei ausgesucht. Roberto Cuoghi baute eine Fabrik für Jesusfiguren in Lebensgröße, die live gegossen werden und dann unter aufblasbaren Zelten verrotten, das alles in einer riesigen dunklen Halle. Das von einem Mann, der sich in seinen Zwanzigern so lange operieren ließ, bis er wie sein Vater aussah. In den Giardini, wo die Pavillons der etablierten Kunstnationen stehen, muss man eine Weile suchen, bis man etwas Gescheites findet. Der Amerikaner Mark Bradford zeigt seine Malerei, Phyllida Barlows riesige Arbeiten sprengen beinahe den Pavillon Großbritanniens. Frankreich hat sich ein Tonstudio einrichten lassen. Jeden Tag nehmen hier Musiker auf, es sieht aus wie der „Merzbau“ von Kurt Schwitters, dabei geht es doch nur um den Klang. Maximal antitheatralisch ist es, hier zu sitzen und einem Schlagzeuger zuzuhören. Man könnte ebenso gut abwesend sein, und gerade darin liegt die innere Freiheit, die einem dieses Studio ermöglicht; denn Venedig, das ist vor allem ein Terror der optischen Reize und der sozialen Interaktion – nie sieht man alles, immer muss man entscheiden, was man tut, wie lange man wo bleibt.

Was passiert nun?

Der Deutsche Pavillon liegt dem Französischen gegenüber und funktioniert nach komplett gegensätzlichen Mechanismen. Während das Studio eine Antibühne ist, auf der der Zuschauer keine Rolle spielt und der Akteur nur für das Band performt, verhundertfacht die Deutsche Anne Imhof die Bühne, die dieses Haus ohnehin schon ist. Eingeladen von der Direktorin des Kasseler Fridericianums, Susanne Pfeffer, inszeniert die Frankfurter Künstlerin mit siebzehn Performern und insgesamt vierzig Beteiligten ein Stück namens „Faust“. Dazu hat sie vor den strengen Portikus des Nazibaus eine dicke Glaswand gezogen und die Front mit einem Zaun abgetrennt, hinter dem vier Dobermänner wachen. In den Hauptraum ist ein Glasboden eingezogen, so dass man als Besucher nicht nur in der Höhe und ringsherum alles im Blick behalten muss, sondern auch unter den eigenen Füßen. Die Performance hat einen Zeitrahmen von um die fünf Stunden, und sie wiederholt sich nicht exakt. Egal wie lang man bleibt, man verpasst etwas. Manche bleiben Stunden, andere nur Minuten – eine vorgegebene Dauer gibt es nicht, allerdings sind die Schlangen so immens lang, dass ein Hinein- und Hinausgehen anders als bei früheren Inszenierungen schwierig ist.

Die Performer arbeiten seit Jahren mit Imhof, haben gemeinsam erarbeitet, was sie während ihrer täglichen Auftritte tun. Nur das Publikum ignorieren sie, bewegen sich um einen herum wie Geister. Was passiert nun? Werden sich zwei in langsame Ringkämpfe verwickeln? Den Glasboden anhauchen? Auf einem Podest stehen? Singen? Das konnte man auf Instagram sehen oder sich erzählen lassen. Bei unserem Besuch passierte nicht viel, aber alles wurde von den Zuschauern registriert, verfolgt, geknipst. Und ihnen mit einer großen Ausdruckslosigkeit dargeboten: Wo die Körper handeln, bleiben die Gesichter stumm. Imhofs Theatralik des Indifferenten ist oft mit der von Modeproduktionen und Magazin-Strecken verglichen worden, aber modisch sein und cool, darum geht es nicht, sagen die Fans von Imhof, und wenn doch, dann ist das subversiv. Die Kuratorin empfiehlt, Anne Imhofs Arbeiten als Ausdruck einer Conditio humana des 21. Jahrhunderts: spätkapitalistisch dressiert, von Biopolitik beherrscht, dauerbeobachtet, zerstreut, vereinzelt selbst in Gruppen.

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