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Biennale von Venedig : Die Welt, wie sie sein soll

  • -Aktualisiert am

Auf der Biennale von Venedig siegt die Kunst über die Spekulation der vergangenen Jahre. Wie hat sie das geschafft? Alte Götter wurden nicht vertrieben, nur neue hineingelassen. Wenn alle mitmachen, steht eine Revolution bevor.

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          Wer eine Kurzfassung davon haben möchte, was an dieser 55. Kunstbiennale in Venedig anders ist, der sollte zuerst unter dem grünen Laubdach der Giardini hindurch zum britischen Pavillon gehen: Dort findet sich ein riesiges Wandgemälde, auf dem man sieht, wie ein turmgroßer bärtiger Mann eine Yacht mit beiden Händen packt und ins Meer schmeißt. Dazu liest man im Begleitheft eine kleine Geschichte: Im Juni 2011, heißt es, habe Roman Abramowitsch seine Yacht „Luna“ direkt vor den Gärten der Biennale geparkt, ein Sicherheitszaun sei errichtet worden, der die Benutzung der Promenade durch Einwohner, Touristen und die Besucher stark eingeschränkt habe. Daraufhin sei William Morris, der Viktorianische Künstler, Lebensreformer und Sozialist, so sehr in Wut geraten, dass er, „obwohl er längst gestorben war, als Koloss zurückkehrte und die Yacht in die Lagune schmiss“. Kurzum: Das Wandgemälde zeigt das Mittelmeer, William Morris (1834 bis 1896) und „Luna“, die Yacht des russischen Oligarchen und Kunstsammlers Roman Abramowitsch.

          Das Bild ist ein Witz, ein Scherz des englischen Künstlers Jeremy Deller, aber es ist auch eine Parabel, die von dem Unbehagen handelt, das 2011 viele Kritiker und Besucher ergriff. Die Absperrzäune gab es wirklich, die vor den Giardini ankernden Yachten der Großsammler auch. Die Biennale schien sich in eine Messe zu verwandeln, eine Shoppingmeile für Milliardäre, die nach Venedig direkt zum nächsten Kunstevent auf der anderen Seite der Alpen weiterzogen, der Art Basel.

          Besinnung auf Vergangenes

          Und jetzt? In diesem Jahr scheinen die Veranstalter eine List ausgeheckt zu haben, um den Ruf der Biennale zu retten. Die Eröffnung wurde vorverlegt, sie bildet nicht mehr den Auftakt zur Art Basel. Zwei Wochen liegen zwischen beiden Veranstaltungen, wer beides sehen will, muss also zweimal nach Europa reisen - oder sich für eines entscheiden. Die Folgen lassen sich in der ganzen Stadt beobachten: „Luna“ parkt nicht mehr vor den Giardini, die verbleibenden Yachten sind geschrumpft, mit ihnen die Absperrzäune. Die beiden Großsammler François Pinault und Viktor Pintschuk werben deutlich weniger offensiv im Stadtraum für ihre Veranstaltungen. Aus den Sammlern, die noch vor zwei Jahren die Biennale zu übernehmen drohten, sind wieder Besucher geworden.

          Was folgt daraus für die Kunst? Der diesjährige Biennale-Kurator Massimiliano Gioni hat sich für einen Schritt entschieden, der die Biennale für immer verändern könnte. Bisher nämlich galt die Schau an der Lagune als einer der wichtigsten internationalen Bühnen, auf der die Newcomer der Kunstwelt vorgestellt wurden. 2013 zeigt schon die Statistik, dass der Blick stärker der Vergangenheit als der Zukunft gilt: Von den rund 160 Künstlern, die Gioni ausgewählt hat, sind mehr als ein Viertel bereits gestorben. Mehr noch: Es sind historische Positionen, die in den zentralen Räumen plaziert werden, im Arsenale und im internationalen Pavillon.

          Ein synkretistischer Tempel

          Die Biennale eröffnet mit den Tafelzeichnungen des Anthroposophiegründers Rudolf Steiner (1861 bis 1925), mit den mystischen Buchillustrationen des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung (1875 bis 1961) und dem sagenhaften Architekturmodell von Marino Auriti (1891 bis 1980). Es ist Auritis Projekt, das der Ausstellung den Titel gibt: „Palazzo Encyclopedia“, geplant als ein gigantisches Museum des Weltwissens. Entworfen hatte Auriti dieses Museum als Pensionär, nachdem er zuvor sein Geld mit dem Bau von Bilderrahmen und Autokarosserien verdient hatte. Er, ein Italiener, der in die Vereinigten Staaten auswanderte, betrieb Malerei als ein Hobby, bis sein gesamter Ehrgeiz in das Turmmodell floss, dessen Konzept er sich 1955 patentieren lassen wollte. Die Suche nach Geldgebern blieb erfolglos. Das Cover des Biennale-Katalogs zeigt den Erfinder in einer Fotografie: Das Hemd schmutzig, das Gesicht ernst, der Turm prachtvoll - im Hintergrund verwilderte Hecken, Rasen und die Autowerkstatt.

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