https://www.faz.net/-gqz-qeam

Biennale Venedig : Unsere neuen Volksvertreter

  • -Aktualisiert am

Thomas Scheibitz und Tino Sehgal werden Deutschland auf der Biennale in Venedig repräsentieren. Die in sich selbst zurückgezogenen Installationen des einen treffen auf eine Kunst, die nur aus Ereignis, Überraschung und Erinnern besteht.

          Der eine malt und baut große, farbige Skulpturen. Der andere läßt seine Assistenten Dinge tun, die man schwer voraussagen kann. Vergangenes Jahr ließ er sie zum Beispiel zwischen den Vernissagenweißweintrinkern plötzlich zu Boden stürzen, und als sie wieder aufstanden, sagten sie: "Tino Sehgal. This Exhibition. 2004."

          Die Künstler Tino Sehgal und Thomas Scheibitz, Jahrgang 1976 respektive 1968, werden also in zwei Wochen bei der Biennale von Venedig - tja, was eigentlich? Deutschland repräsentieren jedenfalls ausdrücklich nicht. Julian Heynen von der Düsseldorfer Kunstsammlung K21, der jetzt zum zweiten Mal hintereinander den deutschen Pavillon kuratiert, hatte diese Woche in Berlin extra noch einmal Stellung genommen zur Biennale, bevor sie alle dahin aufbrachen.

          Es ging darum, worum es bei dem Thema eigentlich immer geht: daß es inzwischen viel zu viele von ihnen gibt, daß man die Biennalen der Welt kaum noch zählen kann, daß sie der totale Mainstream sind, auch wenn natürlich Venedig immer noch die größte, älteste und ehrwürdigste ist und so weiter ... Und daß ihr zwar noch die Wettkampfgene der Weltausstellungsidee in den Länderpavillons stecken, Deutschland sich aber gewissermaßen zu erwachsen fühle für eine Repräsentation von nationalen Identitäten. Zur Sicherheit sagte Heynen dann sogar noch den alten Kalauer auf, wonach Künstler schließlich "keine Vertreter" seien.

          Kaum zu glauben

          Sind sie aber in diesem Falle natürlich zwangsläufig irgendwie doch. Der schönste Pavillon kriegt, wie beim Kindergeburtstag, einen Preis. Das Auswärtige Amt finanziert die Ausstellung im deutschen Pavillon mit einer Viertelmillion Euro (noch einmal soviel wird von Sponsoren aufgebracht). Und dann ist es außerdem so, daß ja praktisch jeder Auftritt irgendeiner Nationalauswahl immer auch zur Selbstvergewisserung nach innen ausgeschlachtet wird: als Material zur Ausdeutung der seelischen und gesellschaftlichen Verfaßtheit des Landes.

          Da geht es der Fußballnationalmannschaft nicht anders als Gracia nach dem Grand Prix: die deutsche Verzagtheit, der Reformstau, der Selbsthaß, unter Umständen sogar die Geburtenrate oder die Pendlerpauschale - es gibt nichts, was sich mit ein bißchen feuilletonistischem Willen nicht herauslesen ließe aus solchen Ereignissen.

          Schwer zu deuten

          Es scheint fast so, als habe Heynen mit seiner Künstlerauswahl den deutschen Pavillon vor allen Dingen solchen Deutungsbedürfnissen entziehen wollen. Nachdem er beim vorigen Mal mit Candida Höfer und Martin Kippenberger zwei Altmeister gezeigt hatte, von denen einer sogar schon tot war, hat Heynen diesmal zwei junge deutsche Künstler eingeladen, die im Ausland namhafter sind als zu Hause. Unter das Exportlabel "Young German Art", das bei der letzten Armory Show in New York mit staatlichen Beihilfen an die Galerien gepappt wurde, passen sie allerdings auch nicht.

          Es gibt bei ihnen keine elegischen Wunschwelten und keine abgemalten Judith-Hermann-Erzählungen zu sehen. Allerdings auch keine Abarbeitung an der im pompösen Pavillon sedimentierten Nazivergangenheit, wie bei so vielen Biennalen vorher. Und erst recht keine journalistischen Dokumentationen von Arbeitslosigkeit, Ausbeutung und Armutsmigration, die das linke Gegenstück zum deutschen Ölbildboom sind. Was es nach Heynens Willen in Venedig geben wird, ist bildende Kunst, die sich auf zwei verschiedene Arten weniger um die Welt als um sich selber kümmert, um ihre eigenen Bedingtheiten und Spezifika.

          Strikt zu trennen

          Weitere Themen

          Ein Präsident im Kunst-Hangar

          Art Berlin : Ein Präsident im Kunst-Hangar

          Die junge Sammlergeneration sollte aufmerksam sein! Die Messen „Art Berlin“ und „Positions“ geben sich international, politisch und ein kleines bisschen feministisch.

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

          Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

          Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.