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Kunst-Biennale in Havanna : Diesmal ist Kuba die Invasion recht

Wie wäre es mit einem Trip nach Havanna, zur Kunst-Biennale? Die ganze Welt scheint versammelt: Afrikaner, Asiaten und Amerikaner. Nur eine einheimische Künstlerin, die für die Freiheit kämpft, die wird weggesperrt.

          6 Min.

          Die amerikanische Invasion Kubas hat begonnen, und die Regierung in Havanna unter Präsident Raúl Castro könnte nicht glücklicher sein. Denn sie bringt dem kubanischen Regime viel Geld und auch viel Prestige ein. Und anders als beim desaströs gescheiterten Invasionsversuch der CIA in der Schweinebucht im Süden Kubas vom April 1961 ist ein Regimewechsel ausdrücklich nicht vorgesehen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Mitte Dezember 2014 vereinbarten Raúl Castro und Barack Obama – nach anderthalb Jahren Geheimverhandlungen unter Vermittlung Kanadas und des Vatikans – die vollständige Normalisierung der diplomatischen Beziehungen. Diese hatte Washington im Januar 1961 abgebrochen, zwei Jahre nach der von Fidel Castro geführten Revolution gegen den korrupten Diktator Fulgencio Batista. Zudem verhängten die Vereinigten Staaten ein bis heute gültiges Wirtschaftsembargo. Zwar kommen die Verhandlungen über die Wiedereröffnung von Botschaften in Havanna und Washington nur schleppend voran. Doch ein halbes Jahr nach der historischen Vereinbarung Raúl Castros und Barack Obamas ist die Bilanz für Havanna schon jetzt glänzend – politisch, wirtschaftlich, kulturell. Vor allem die faktische Aufhebung aller Reisebeschränkungen für amerikanische Staatsbürger nach Kuba ist ein Riesenerfolg für Havanna.

          Der Zuwachs bei amerikanischen Touristen liegt weit über dem allgemeinen Besucherwachstum, das nach offiziellen Angaben der Regierung in Havanna in den ersten fünf Monaten dieses Jahres bei vierzehn Prozent lag. Wie groß das Entwicklungspotential für den amerikanischen Tourismus nach Kuba noch ist, zeigt ein Blick auf die Zahl der kanadischen Besucher. Von den gut drei Millionen Besuchern, die Kuba 2014 insgesamt verzeichnete, stammten knapp 1,2 Millionen aus Kanada. Die Vereinigten Staaten haben fast zehnmal so viele Einwohner wie Kanada, und die Anziehungskraft des für Amerikaner nun erstmals frei zugänglichen kommunistischen Jurassic-Parks rund 150 Kilometer vor der Küste Floridas kann nur weiter wachsen.

          Rund 60.000 amerikanische Oldtimer aus den fünfziger Jahren gibt es noch in Kuba, und die Fahrt auf der Rückbank eines offenen Chevrolet Deluxe von 1952 oder eines Buick Century von 1958 durch die Straßen von Havanna gehört zum Pflichtprogramm zumal für amerikanische Besucher. Einen weiteren Schub erfährt der amerikanische Tourismus in Kuba jetzt durch die zwölfte Biennale von Havanna. Weil es die erste Biennale von Havanna nach dem Ende der politischen Eiszeit zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba ist, erwarten die Organisatoren, dass bis zum Wochenende allein 2500 Amerikaner die größte Schau für Gegenwartskunst Lateinamerikas besucht haben werden, viele von ihnen Kunstsammler und Kunsthändler. In der amerikanischen Kunstszene gelten Künstler aus Kuba als „The Next Big Thing“.

          Anders als ihr Name nahelegt, findet „La Bienal de La Habana“ alle drei Jahre statt und versteht sich seit ihrem Auftakt 1984 als Gegenmodell zur Biennale von Venedig, deren ärmere, aber vitalere Schwester sie sein will. Hier wird dem globalen Süden Stimme und Podium gegeben – Künstlern aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten, aus Lateinamerika, der Karibik und natürlich aus Kuba selbst. In diesem Jahr nehmen fast tausend Künstler aus rund vier Dutzend Ländern teil. Nicht einmal die Veranstalter selbst wissen genau, wie viele es sind. Kubanisch-karibische Unübersichtlichkeit und Improvisationsgabe sind integraler Teil des Konzepts dieses Kunstfests, das in diesem Jahr unter dem Motto „Zwischen Idee und Erfahrung“ steht.

          Es gibt drei Hauptorte der Ausstellung. Da ist zuerst die von den Spaniern in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erbaute Festung La Cabaña an der Einfahrt zur Bucht von Havanna, von wo sich ein prächtiger Blick auf die Altstadt, La Habana Vieja, bietet. Dann das Messezentrum Pabellon Cuba im Stadtteil Vedado, einem früheren Waldschutzgehege, das erst nach 1900 bebaut werden durfte. Sowie der Malecón, die kilometerlange Uferpromenade entlang der Straße von Florida, die die Altstadt mit den jüngeren Stadtteilen im Westen Havannas verbindet. Im Nationalmuseum für Schöne Künste in der Altstadt ist eine Sonderausstellung mit hundert Werken aus dem New Yorker Bronx Museum of the Arts zu sehen. Im kommenden Jahr wird sich das Nationalmuseum Havanna mit einer Ausstellung von hundert Werken kubanischer Künstler von den sechziger Jahren bis zur Gegenwart in der Bronx revanchieren.

          Zum Konzept der Biennale von Havanna gehört es seit je, den Künstlern buchstäblich die ganze Stadt zu öffnen: Havanna wird zu einer einzigen Freiluft-Galerie. Mitunter zwar klappert die präsentierte Aktionskunst zumal der Biennale-Teilnehmer aus dem Ausland recht hohl. Der Amerikaner Duke Riley aus Brooklyn hat am Malecón eine Eislaufbahn aus Kunststoff aufgestellt, komplett mit Schlittschuhen zum Ausleihen und englischsprachigen Aufschriften. Nach einem kleinen Ansturm an den ersten Tagen ist die Eisbahn jetzt meist verwaist, denn das Eis aus Kunststoff ist stumpf, und die Schlittschuhe rutschen kaum.

          Fortgesetzt starkes Interesse findet dagegen die Installation „Resaca“ (Brandung) des vierzig Jahre alten Kubaners Arlés del Rio. Er hat am Malecón einen Sandstrand aufschütten lassen, mit Palmen, Sonnenschirmen und Liegestühlen, auf denen sich nach Schulschluss die Schüler des armen Stadtviertels Centro Havana in ihren Schuluniformen räkeln und die Aussicht auf die bröckelnden Fassaden der Uferpromenade genießen. Im Rücken der „Strandurlauber“ schlägt das Meer an die Ufermauer; darauf stehen die Angler und schmusen die Pärchen und sehen auf die Straße von Florida hinaus, jenes Sehnsuchtsmeer der Kubaner, das sie mit den Vereinigten Staaten verbindet und zugleich von ihnen trennt. In den Hunderten Werken der kubanischen Künstler widerspiegeln sich zerborstene Träume, die Entbehrungen des Alltags, die schizophrene Wirklichkeit eines Landes ohne Freiheit und Demokratie, dessen diktatorisches Regime die globale Emanzipation voranzutreiben behauptet.

          Auf den ersten Blick mag das Künstlertreiben ebenso anarchisch-improvisiert erscheinen wie der Alltag der kubanischen Hauptstadt. Doch in Wahrheit kontrollieren das Castro-Regime und sein gigantischer Spitzel- und Überwachungsapparat jede Regung der gut elf Millionen Kubaner. Nur wer sich der Kritik an den bestehenden Verhältnissen enthält oder diese unerkannt in seine Werke zu schmuggeln versteht, darf an der Staatsveranstaltung „La Bienal de La Habana“ teilnehmen. Wie brutal das Regime nach wie vor auf jede Form der Dissidenz reagiert, muss die 46 Jahre alte kubanische Aktionskünstlerin Tania Bruguera seit Monaten erfahren.

          An der Biennale Havanna 2009 hatte sie noch teilnehmen dürfen mit der Performance „El Susurro de Tatlin“ (Tatlins Flüstern): Jeder Besucher hatte die Möglichkeit, frei und unzensiert während einer Minute über ein beliebiges Thema von einem Rednerpult in ein Mikrofon zu sprechen. Am 30. Dezember 2014 wollte die Künstlerin, die seit 1997 zwischen den Vereinigten Staaten und ihrer Heimat Kuba pendelt, auf dem Platz der Revolution in Havanna ihre Performance „El Susurro de Tatlin“ wiederholen und erweitern: Zwei Wochen nach der historischen Übereinkunft Obamas und Raúl Castros sollten die Kubaner offen „ihre Gedanken über ihre Nation und deren Zukunft nach der Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten“ äußern und gemeinsam den „Beginn der bürgerlichen Freiheiten“ in Kuba feiern.

          Doch Bruguera wurde auf dem Weg zum Platz der Revolution verhaftet, freigelassen und wieder verhaftet. Ihr Pass wurde eingezogen, sie darf die Hauptstadt nicht verlassen und muss eine Anklage wegen „Widerstands und Störung der öffentlichen Ordnung“ gewärtigen. An der Biennale 2015 darf sie nicht teilnehmen. Seit neun Wochen wird sie praktisch jeden Sonntag für einige Stunden von der Polizei festgesetzt, wenn sie die Oppositionsgruppe „Damas de Blanco“ (Damen in Weiß) bei deren stillem Protest für die Freilassung politischer Gefangener nach der Messe in der Kirche Santa Rita im Stadtteil Miramar unterstützt.

          Im Erdgeschoss ihres Hauses in der Altstadt von Havanna begann Bruguera am 20. Mai mit einer öffentlichen Lesung von Hannah Arendts Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und leistete damit ihren inoffiziellen eigenen Beitrag zur Biennale Havanna 2015. Nach dem Ende der insgesamt hundert Stunden dauernden Lese-Performance wurde sie am 24. Mai festgenommen und erst viele Stunden später wieder freigelassen. Danach gab es vereinzelt Aufrufe zum Boykott der Biennale, solange Bruguera und andere kubanische Dissidenten drangsaliert würden oder gar im Gefängnis säßen. Doch der Boykottaufruf blieb im internationalen Kunstbetrieb weitgehend ungehört. Viel lauter war und ist das Halali zur Schnäppchenjagd.

          Bei Sotheby’s in New York wurde vor gut zwei Wochen die Maschendraht-Installation „Fly Away“ von Arlés del Rio von der Biennale Havanna von 2012 für knapp zwölftausend Dollar versteigert. Ein Werk des kubanischen Künstlerduos „Los Carpinteros“ (Die Tischler) erreichte gar einen Verkaufspreis von sechzigtausend Dollar. Mit seiner Sandstrand-Installation „Resaca“ ist Arlés del Rio auch in diesem Jahr wieder einer der Stars der Biennale von Havanna. Und natürlich sind auch „Los Carpinteros“ – das sind Dago Rodríguez und Marco Castillo – in diesem Jahr bei der Biennale in Kuba wieder dabei. Außerdem ist das Künstlerduo, das in Madrid und Havanna lebt, seit Dezember Besitzer einer fabelhaften dreistöckigen Villa im Viertel Nuevo Vedado im Südwesten von Havanna. Den Erlös aus den Verkäufen ihrer Werke im Ausland erhalten kubanische Künstler, die sich in keine Händel mit dem Regime verwickelt haben, fast ohne Steuerabzug. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt in Kuba bei umgerechnet fünfundzwanzig Dollar.

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