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Kunst-Biennale in Havanna : Diesmal ist Kuba die Invasion recht

An der Biennale Havanna 2009 hatte sie noch teilnehmen dürfen mit der Performance „El Susurro de Tatlin“ (Tatlins Flüstern): Jeder Besucher hatte die Möglichkeit, frei und unzensiert während einer Minute über ein beliebiges Thema von einem Rednerpult in ein Mikrofon zu sprechen. Am 30. Dezember 2014 wollte die Künstlerin, die seit 1997 zwischen den Vereinigten Staaten und ihrer Heimat Kuba pendelt, auf dem Platz der Revolution in Havanna ihre Performance „El Susurro de Tatlin“ wiederholen und erweitern: Zwei Wochen nach der historischen Übereinkunft Obamas und Raúl Castros sollten die Kubaner offen „ihre Gedanken über ihre Nation und deren Zukunft nach der Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten“ äußern und gemeinsam den „Beginn der bürgerlichen Freiheiten“ in Kuba feiern.

Doch Bruguera wurde auf dem Weg zum Platz der Revolution verhaftet, freigelassen und wieder verhaftet. Ihr Pass wurde eingezogen, sie darf die Hauptstadt nicht verlassen und muss eine Anklage wegen „Widerstands und Störung der öffentlichen Ordnung“ gewärtigen. An der Biennale 2015 darf sie nicht teilnehmen. Seit neun Wochen wird sie praktisch jeden Sonntag für einige Stunden von der Polizei festgesetzt, wenn sie die Oppositionsgruppe „Damas de Blanco“ (Damen in Weiß) bei deren stillem Protest für die Freilassung politischer Gefangener nach der Messe in der Kirche Santa Rita im Stadtteil Miramar unterstützt.

Im Erdgeschoss ihres Hauses in der Altstadt von Havanna begann Bruguera am 20. Mai mit einer öffentlichen Lesung von Hannah Arendts Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und leistete damit ihren inoffiziellen eigenen Beitrag zur Biennale Havanna 2015. Nach dem Ende der insgesamt hundert Stunden dauernden Lese-Performance wurde sie am 24. Mai festgenommen und erst viele Stunden später wieder freigelassen. Danach gab es vereinzelt Aufrufe zum Boykott der Biennale, solange Bruguera und andere kubanische Dissidenten drangsaliert würden oder gar im Gefängnis säßen. Doch der Boykottaufruf blieb im internationalen Kunstbetrieb weitgehend ungehört. Viel lauter war und ist das Halali zur Schnäppchenjagd.

Bei Sotheby’s in New York wurde vor gut zwei Wochen die Maschendraht-Installation „Fly Away“ von Arlés del Rio von der Biennale Havanna von 2012 für knapp zwölftausend Dollar versteigert. Ein Werk des kubanischen Künstlerduos „Los Carpinteros“ (Die Tischler) erreichte gar einen Verkaufspreis von sechzigtausend Dollar. Mit seiner Sandstrand-Installation „Resaca“ ist Arlés del Rio auch in diesem Jahr wieder einer der Stars der Biennale von Havanna. Und natürlich sind auch „Los Carpinteros“ – das sind Dago Rodríguez und Marco Castillo – in diesem Jahr bei der Biennale in Kuba wieder dabei. Außerdem ist das Künstlerduo, das in Madrid und Havanna lebt, seit Dezember Besitzer einer fabelhaften dreistöckigen Villa im Viertel Nuevo Vedado im Südwesten von Havanna. Den Erlös aus den Verkäufen ihrer Werke im Ausland erhalten kubanische Künstler, die sich in keine Händel mit dem Regime verwickelt haben, fast ohne Steuerabzug. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt in Kuba bei umgerechnet fünfundzwanzig Dollar.

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