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Ein Kunstlehrer, der inspirierte wie wenige: Franz Joseph van der Grinten (1933 bis 2020) Bild: Horst Schnase / vario images

Beuys-Sammler gestorben : Er lebte die Kunst in allen Facetten

Der Beuys-Sammler Franz Joseph van der Grinten war nicht nur Museumsdirektor von Schloss Moyland. Er war auch ein großzügiger und leidenschaftlicher Lehrer.

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          Später erfuhren wir Schüler, dass die Brüder van der Grinten „die bedeutendsten Sammler der Werke von Beuys“ waren. Von Joseph Beuys, einem Niederrheiner wie sie selbst. Man wusste ja, der Jupp war bei van der Grintens mal auf dem Hof untergekommen, hatte in ihrer Scheune in Kranenburg zum ersten Mal ausgestellt und auch bei der Ernte mit angepackt. Und noch einmal später, nun schon im neuen Jahrtausend, schrieben die Feuilletons lange Artikel über den Niederrhein, dem sich Beuys immer verbunden gefühlt hatte, und sie verfehlten nicht zu erwähnen, dass die Bushaltestelle am Elternhaus des Künstlers in dem Dorf Rindern nördlich von Kleve den schlichten Namen „Beuys“ trägt, eine der sinnvollsten Ehrungen, die man sich überhaupt hätte einfallen lassen können.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Da war die Geschichte aber längst unendlich viel komplizierter geworden. 1997 war Schloss Moyland eröffnet worden, das Museum, in das die Brüder van der Grinten ihre Sammlung von einigen tausend frühen Beuys-Werken einbrachten, und in den Jahren darauf folgten Hader über Direktorenverträge, die angebliche Einflussnahme des Brüderpaars, Fragen der Konservierung und Inventarisierung der Sammlung und einiges mehr.

          Aber damals, in den siebziger Jahren, gab es für uns, die Schüler des bischöflichen Internats Collegium Augustinianum Gaesdonck, nur diesen sonderbaren Mann namens Franz Joseph van der Grinten, den jüngeren der beiden Brüder – wirres schwarzes Haar, ein Bart, in den sich schon graue Fäden mischten, nicht gerade achtlose, aber doch irgendwie inoffizielle Kleidung, als wäre der Mann zufällig von draußen in seinen Beruf hineingeweht worden oder führte außerhalb der Internatsmauern ein paralleles Leben wie ein Doppelagent, und dieses andere Leben war zweifellos sein eigentliches. Später erzählte man sich, er sei gar kein Lehrer, sondern „Kunstpädagoge“. Es wunderte niemanden. Er war ein Außenseiter unter den Lehrern, er hatte zahlreiche Freunde, aber gewiss auch mächtige Feinde, nämlich unter den Anhängern des Regimes, und das – Jugendliche haben ein Gespür dafür – hob ihn aus dem Kollegium heraus.

          Ein Lehrer, der nicht an Autorität glaubte

          Denn Franz Joseph van der Grinten, unser Kunstlehrer, hatte an Autorität, Ruhe in der Klasse und dem Üblichen nicht das mindeste Interesse. Er verstand sich nicht als Aufpasser oder Dompteur. Franz Joseph van der Grinten lebte Kunst, er widmete sich der Kunst in allen Facetten, als Sammler, Kurator und Kunsthistoriker, später auch als Dichter, und wenn er Schülern den Linolschnitt, seine eigene Spezialität, mit damals völlig unpädagogischer Ruhe und scheinbarer Absichtslosigkeit erklärte, schenkte er ihnen dieselbe Aufmerksamkeit wie den namhaften Künstlern, deren Ausstellungen er in seinem anderen Leben, weit jenseits des Niederrheins, konzipierte. Einmal fragte er im Unterricht einen Schüler – nicht mich –, warum der ihn, den Lehrer, so intensiv anschaue. „Weil Sie die Kunst so ernst nehmen“, sagte der Schüler. Das war das Ungewöhnliche: dass ein Lehrer beseelt war von seinem Fach.

          Es kann nicht leicht gewesen sein, bei Vierzehn- und Sechzehnjährigen beseelt zu bleiben. Van der Grinten schaffte es so: Wenn ihn etwas interessierte, versammelten sich die Schüler, mit denen er ins Gespräch gekommen war, vorn am Lehrerpult, und der Rest der Klasse machte, was er wollte. Zensuren waren ein notwendiges Übel, also wurden sie ebenso achtlos wie großzügig verteilt. Unter eine schriftliche Arbeit setzte er den Kommentar: „Trotz Sauklaue sehr gut.“ Nur die Mischung aus Dummheit und bösem Willen hätte er geahndet, aber so dumm und böswillig zugleich war dann doch niemand. Am Ende kamen alle davon, auch der Schüler, der eines Tages – womöglich befeuert von Beuys und der deutschen Moderne – ein Kreuz aus Toilettenpapier fertigte, mit roter Tinte ein Herz hineinmalte und es seinem Lehrer vorlegte. Er bekam ein Lob dafür (heute arbeitet er als Geistlicher). Jetzt ist Franz Joseph van der Grinten, der erstaunliche Lehrer und großzügige Förderer, im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben.

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