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Beuys-Atelier wiedereröffnet : So weit der Erdkreis reicht

Das Lebenswerk eines Museumsdirektors wird besichtigt: Guido de Werd verabschiedet sich nach vierzig Jahren mit der Wiedereröffnung des Ateliers von Joseph Beuys aus Kleve.

          Beuys lacht. Wer hat ihn je auf einem Foto so lachen sehen? Lachen gehört nicht zu seiner Selbststilisierung: Beuys lachend ist so selten wie Beuys ohne Hut. Auf diesem Foto, das ihn 1978 im Gespräch mit Leni van Heukelum auf ihrem Dassendonkshof am Niederrhein zeigt, aber schüttelt er sich vor Lachen. Worüber? Guido de Werd, der Direktor des Museums Kurhaus in Kleve, erzählt die Legende dazu: Dass der Beuys, wo der doch so ein netter Kerl sei, so verrückte Sachen mache, das verstehe sie nicht, habe die Bäuerin, die als Sammlerin von Biedermeiermöbeln auch die Wiege, „wo dat Jüppken dringelegen hat“, besaß, zu ihm gesagt, woraufhin Beuys ihre Bildergalerie als „gute Wegwerf-Formate“ geschmäht habe. So hätten sie sich gegenseitig angepflaumt - und gelacht.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Foto enthält in nuce das Programm der Ausstellung: Nicht der unbekannte Beuys, doch Beuys, als er noch unbekannt war, ist in Kleve zu entdecken. Aufgenommen hat es Gerd Ludwig für eine Reportage des „Zeit“-Magazins, und als Direktor de Werd den Fotografen, der heute in Los Angeles lebt, anschrieb, entdeckte der in seinem Archiv weitere Motive, die er längst vergessen hatte.

          Die Bilder hängen im ersten Raum der Schau, mit der das Museum Kurhaus nach der Erweiterung um das ehemalige Atelier von Beuys wiedereröffnet hat: Beuys mit Stock, eine Pappelallee herunterpilgernd, Beuys mit Wiege und Hase vor weidenden Kühen, Beuys, eine Biographie von Anacharsis Cloots vor der Nase, im Fond eines Citroën DS, Beuys auf dem Atelierturm von Haus Koekkoek über den Dächern von Kleve, Beuys (mit Hut!), wie er seine Frau küsst, Beuys (ohne Hut!) in einer Bank seiner Grundschule, Beuys vor Schülern des Freiherr-von-Stein-Gymnasiums, dessen Namensgeber er auf einem Zeugnis durchgestrichen und handschriftlich „Joseph Beuys“ drübergesetzt hat.

          Drei große Klever

          Beuys von allen Seiten. Doch keine Legendenbildung, eine Annäherung wird versucht: Beuys und Kleve, eine Reise in die Heimat. „1921 in Kleve geboren“ hat er selbst seit 1961 im „Lebenslauf/Werklauf“ angegeben, wo er doch in Krefeld zur Welt kam, weil der Hausarzt, Komplikationen befürchtend, die Mutter in eine Klinik schickte. Wie das Kurhaus, das 1914 geschlossen und von 1923 bis 1956 als Schuhfabrik zweckentfremdet wurde, stand auch das Haus der Eltern - ein Foto im Katalog zeigt den Steppke in Lederhosen mit einer Cousine im Forstgarten - an der Tiergartenstraße. In Kleve ist Beuys aufgewachsen, hier hatte er sein erstes Atelier und 1961, da war er schon vierzig, die erste Museumsausstellung.

          Auf drei große Klever nimmt er in Leben und Werk immer wieder Bezug: auf den Schwanenritter Lohengrin, auf Johann Moritz von Nassau-Siegen, den der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm 1649 zum Statthalter ernannte, und auf den „Redner des Menschengeschlechtes“ Anacharsis Cloots, der vom nahen Schloss Gnadenthal aus in die Französische Revolution zog und 1793 auf der Guillotine endete.

          Eine Batterie von Ideen, Themen und Visionen

          Mit der Rückkehr nach Kleve, wo Beuys 1957 Räume im Friedrich-Wilhelm-Bad für 26,10 Mark im Monat als Atelier anmietet, beginnt eine entscheidende Phase. Hier überwindet der Künstler die depressive Krise, die ihn an den Rand der Erschöpfung gebracht hat, eine „Umwandlung“, so sagt er später, während deren die Gebrüder van der Grinten ihn auf dem elterlichen Bauernhof in Kranenburg aufnahmen. Das „Büdericher Ehrenmal“ (1958/59), das sein einziger großer öffentlicher Auftrag bleiben sollte, entsteht in Kleve, auch viele Arbeiten, die in den „Darmstädter Block“ eingehen, und wesentliche Teile der „4 Bücher aus: ,Projekt Westmensch’ 1958“.

          Hier wendet er sich neuen Formen und Materialien zu, betreibt naturwissenschaftliche Studien und fängt an, den „Erweiterten Kunstbegriff“ zu entwickeln; von hier aus bewirbt er sich auf die „Professur für monumentale Bildhauerei“ an der Kunstakademie Düsseldorf, die er 1961 erhält. Doch erst 1964 gibt er das Atelier, weil die Miete erhöht wird, auf und lässt „5 M. Ladung“ nach Düsseldorf abholen. In der Klever Abgeschiedenheit wird die Batterie von Ideen, Themen und Visionen geladen, mit denen Beuys sich in der Welt bahnbricht.

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