https://www.faz.net/-gqz-a62yk

Künstlerin Bettina Dittlmann : Material im Dienst der Schönheit

  • -Aktualisiert am

Jetzt zieht sie Kästen voller minutiös aufgewickelter Kupferdrähte hervor. Sie stammen von ihrem Vater. Der ehemalige Ingenieur, dem Energieverschwendung und Materialvergeudung ein Graus waren, nahm Sohn und Tochter als Kinder mit, um Wertstoffe zu sammeln und Radios, Fernseher, alte Herde auszuschlachten. Das hat geprägt. Aus dem Kupferdrahtfundus werden heute Ringe; seine Einstellung lebt fort in der Neuverwertung der Materialsammlungen, aus denen auch die Neodym-Magnete stammen. Durch ihre ungeheure Anziehungskraft formieren sich daran Eisenspäne oder Zunder – er stammt aus einer Schmiede für Glockenklöppel – zu üppigen Blüten, weicher als Pelz.

Mit einem Wisch lassen sie sich abstreifen, können neu andocken. Dittlmann versteht ihre Magnetarbeiten als Symbole für Wandel, mehr noch, sie legt Gedanken an politische und gesellschaftliche Instabilität unserer Zeit hinein. Dazu passt, dass sie mit diesen Kraftprotzen seltene Erden, also umkämpfte und ausbeuterisch gewonnene Stoffe, zu Dingen von großer Schönheit und Selbstbestimmtheit recycelt.

Schmuck für die Schwarze Madonna

Im hellen Atelier unterm Spitzdach entstehen die feinen Geflechte aus zigfach verlötetem Eisendraht, tagelange Geduldsproben, die keinen Fehler erlauben, und hier bewältigte die Künstlerin eine ihrer größten Herausforderungen: Der Auftrag, eine Kopie der Schwarzen Madonna von Altötting zu schmücken, verlangte ihr ein Jahr harter Auseinandersetzung ab, bekennt sie. Zwar ist ihr die Bedeutung einer solchen Figur zutiefst vertraut, aber ihre katholische Erziehung glaubte sie ebenso überwunden wie die Filigranarbeit mit christlichen Symbolen, mit Kreuz, Herz und Anker für Glaube, Liebe, Hoffnung, die ihr vor Jahren eine Lebenskrise zu überwinden half.

Zwischen antennenartig ragenden Drähten auf Magnetbasis bestücken diese steinbesetzten Zeichen die gespinstzarten Kronen von Maria und Kind, und schimmernde Magnetblüten übersäen das Kleid aus schwarzem Stoff. Bei ihm handelt es sich um einen typischen Dittlmann-Fund: Weil auch die Nonnen im Kloster Beuerberg nichts fortwarfen, fand sich dort zur Begeisterung der Künstlerin noch der Verdunklungsstoff aus dem Zweiten Weltkrieg. In Beuerberg war die Figur ausgestellt, ehe sie ins renovierte Freisinger Diözesanmuseum einziehen wird.

Dittlmann wurde 1964 in Passau geboren, Jank 1972 in Mühldorf am Inn, ihr Haus brachte sie also in heimatliche Gefilde zurück. In solche Abgeschiedenheit zieht nur, wer nicht das Gefühl hat, etwas zu verpassen. Sie lernte Silberschmieden in Neugablonz, studierte anschließend an der Münchner Kunstakademie bei zwei Leitfiguren ihrer Fachrichtung, Hermann Jünger und Otto Künzli, bei Letzterem arbeitete sie auch als Assistentin. Nach Amerika, wo sie Studienaufenthalte absolvierte, kehrte sie für eine Gastprofessur in Oregon zurück. Das New Yorker Metropolitan Museum besitzt ebenso Stücke der Schmuckkünstlerin wie das Victoria & Albert Museum in London.

Ihre Ausstellungsliste führt Orte rund um den Globus, Helsinki, Schanghai, Chicago. Oft geht das Paar beruflich auf Reisen, zur Ressourcenschonung möglichst mit dem Zug: Zielort London, Einstieg im nahen Pocking. Kehren sie heim, haben die Nachbarn in der Zwischenzeit die Hühner versorgt und die blechernen Dinge im Gartenregal sind ein wenig weiter korrodiert. Vielleicht beginnen sie eines Tages im Emaillegewand ein neues Leben als Kunstwerk.

Weitere Themen

Topmeldungen

Eine App für mehr Freiheiten? So könnte der grenzüberschreitende Corona-Impfausweis künftig aussehen.

Vier Fragen zur Immunität : Was steht drin im Corona-Impfpass?

Immun gegen Corona, geht das überhaupt? Der europäische Impfpass ist von der Politik inzwischen fest avisiert, aber es sind einige Fragen offen. Was könnte in einem Immunitätszertifikat stehen, das digital überall abrufbar ist? Vier Fragen, vier Antworten.
Britisch-Deutsches Pubtreffen: Dominic Raab (li.) und Heiko Maas im Juli 2020 in Kent

Neue britische Außenpolitik : Auf dem kurzen Dienstweg

Nach dem Brexit sucht Großbritannien die Nähe zu Deutschland und Frankreich in der Außen- und Sicherheitspolitik. Das gefällt nicht jedem in der EU.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.