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Besuch bei Sempé : Ich zeichne die ganze Zeit

Der französische Zeichner Sempé ist eine lebende Legende. Auch, weil er als extrem schwierig gilt und nur für seine Kunst lebt. Doch dann kommt man in sein Atelier und ist bezaubert.

          Wir sitzen seit etwa einer Stunde zusammen, als die Rede auf den Tod kommt. Sempé hat von Saint-Tropez erzählt, wo er in den sechziger Jahren die Sommer verlebte. Dort habe er verstanden, was Schönheit ist, und gelehrt habe es ihn der Chansonnier Sacha Distel. „Er schien unsterblich zu sein: perfekte Zähne, leuchtende Augen, elegant, die Frauen lagen ihm zu Füßen. So ist er mir im Gedächtnis geblieben. Vor ein paar Jahren hörte ich, dass er krank sei, und dann starb er.“ Beim letzten Halbsatz legt Sempé die Finger der rechten Hand über den Mund, als wollte er die Worte wieder ungesagt machen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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          Das Portal zum Haus, in dem er wohnt, ist von goldenen Ornamenten umrahmt. Im Erdgeschoss ist eine Buchhandlung, genau wie schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite auch. In ihren Schaufenstern liegen Bücher von Sempé, die Neuausgabe von „Le petit Nicolas“ (Der kleine Nick), aber noch mehr als das erinnert das Nachbarhaus an sein Werk: Ein kleines Mädchen steht da in der Bel-Etage auf dem Balkon und schaut herab - ein winziger Mensch in der himmelstürmenden fensterübersäten Fassade. Hier unten braust der Verkehr, doch oben ist ihre stille Welt. Als sie wieder in die Wohnung tritt, lässt sie die Balkontür offen, als wollte sie einen kleinen Korridor zwischen sich und der brodelnden Metropole offen halten. Sie hat keine Angst, denn es ist ihre Stadt, aus sicherem Abstand vertraut. So haben wir uns Paris immer vorgestellt, als wir es nur aus den Bildern von Sempé kannten.

          Vor zehn Jahren erschien in Frankreich ein Buch, dessen Titel das Prinzip der Untertreibung auf die Spitze trieb. Un peu de Paris“ hieß es, ein bisschen Paris. Doch der Mann, der es gezeichnet hat, zeigte darin nicht nur die ganze Stadt, er zeigte auch die ganze Welt, weil sich in den wimmelnden Männchen und Frauchen, die das in Tusche fixierte Linienwunder dieser Stadt bevölkern, jeder Mensch wiederfindet. Wir sind es, die da in kleinen Verhältnissen unseren großen Träumen nachhängen. Wir sind es, die da bewundernd vor den Schönheiten von Natur und Kultur stehen und doch uns als Mittelpunkt all dessen ansehen. Wir sind es, die da so selbstverständlich schlendern, obwohl wir alle Getriebene sein müssten. Und irgendwo von oben sieht uns dabei einer zu und zeichnet es auf.

          Irgendwo dort oben - das ist nicht in der Bel-Etage, das ist viel höher über dem Boulevard du Montparnasse im sechsten Arrondissement von Paris. Der siebte Stock öffnet sich nach Nordosten auf ein gewaltiges Panoramafenster, das den Blick auf die weiße Stadtkaskade eröffnet, die von hier herab zur Seine und auf deren anderer Seite wieder hinauf sprudelt, ehe sie, einer Fontäne gleich, von Sacré-Coeur gekrönt wird - weit entfernt und doch so scharf umrissen im Sommerlicht, als hätte der Mann, der vor diesem Fenster sitzt, die Kirchenkuppel selbst links auf die Scheibe skizziert. Wir sind im Atelier von Jean-Jacques Sempé.

          Es hat Jahre gedauert, ehe wir angekommen sind. Jahre, in denen sich die Leidenschaft für Sempés Werk immer weiter gesteigert hatte, beginnend mit dem „Kleinen Nick“ über das ebenso bos- wie meisterhafte Gesellschaftsspottbild von „Saint-Tropez“ und die augenzwinkernde Kulturschelte von „Kleine Abweichung“ bis zu seinen den extremsten graphischen Minimalismus zelebrierenden Radfahrerzeichnungen und dem 2009 erschienenen Prachtband „Sempé in New York". Doch mehr als alles andere ist er der Zeichner von Paris, so wie Eugène Atget der Fotograf der französischen Hauptstadt war. Atget ist lange tot, Sempé lebt. Doch man kann ihn nicht so einfach besuchen.

          Es gab eine Zeit, da wussten alle, wo Sempé zu finden war: im Café Flore am Boulevard Saint-Germain. Die meisten seiner angeblich 47 früheren Pariser Wohnungen lagen in der Nähe dieses Stammlokals. Zuletzt, das heißt bis 2005, lebte und arbeitete er dort an der Place Saint-Sulpice im Herzen des sechsten Arrondissements, auch sehr weit oben, so dass er das Treiben auf den Straßen und den jahreszeitlichen Wechsel der Belaubung stets im Blick hatte. Freiwillig ist er nicht dort weggezogen, der Vermieter trieb ihn aus der Wohnung und diesmal auch aus seinem Stammquartier. Sempé fand kein adäquates Appartement mehr, dass ihm Wohnen und Arbeiten zugleich gestattet hätte - getreu dem Satz, den er uns auf die Frage, was ihn am kulturellen Leben von Paris interessiere, geantwortet hat: „Ich zeichne die ganze Zeit.“

          Als wollte Paris ihm dafür danken

          Um das weiter gewährleisten zu können, musste er hierher ziehen, hinauf auf den Boulevard du Montparnasse. Der Blick mag es ihm versüßt haben, aber neben den Plakaten von eigenen Ausstellungen und Publikationen, die die Wände des Ateliersaals zieren, findet sich auch immer noch ein Schild des Café Flore. Es ist nun zu weit weg vom neuen Domizil. Das ist wieder nur gemietet, denn noch nie hat Sempé eine Wohnung gekauft, geschweige denn ein Haus. Er will ungebunden sein, aber seine Wohnungen sind doch auch mehr als bloße Aussichtspunkte; sie sind dem scheuen Künstler Zufluchtsstätten. An die jetzige hat er sich mittlerweile gewöhnt. Er will bleiben. Gerade deshalb wird ihre Adresse sorgsam gehütet.

          Nur über eine Handvoll Vertraute führt der Weg hinauf in den siebten Stock. Joelle Chariau gehört dazu, sie ist so etwas wie die Botschafterin Sempés in Deutschland. Mehr als dreißig Jahre währt schon die Zusammenarbeit zwischen dem Zeichner und ihrer in München angesiedelten Galerie Bartsch & Chariau, die seitdem dafür gesorgt hat, dass sich die immense Popularität Sempés hierzulande auch in Privatsammlungen seiner Arbeiten niederschlagen konnte, die den Vergleich mit französischen Kollektionen nicht scheuen müssen. Erst vor zwei Jahren wurde in der Bayerischen Staatsbibliothek eine ganze Ausstellung mit Werken aus deutschem Besitz bestritten; für das kommende Jahr plant das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover eine noch größere Schau, die ebenfalls zu einem Gutteil aus privaten Sammlungen bestritten werden soll. Sempé liebt den Verkauf an Sammler - nicht weil er das Geld brauchte (seine Bücher allein könnten ihn leicht ernähren; allein die neu aufgefundene Geschichten vom Kleinen Nick, die vor fünfzig Jahren von René Goscinny geschrieben und von Sempé illustriert wurden, haben erst jüngst zweimal für Bestseller in Frankreich gesorgt), sondern weil er darin die Bestätigung sieht, dass er seine Kunstfertigkeit nicht eingebüßt hat.

          Der Zeichner geht mittlerweile auf die achtzig zu, und hätte er selbst seine falsche Geburtsangabe, die er im Frühjahr 1950 als damals noch Siebzehnjähriger gemacht hatte, um früher aus dem ihm zu klein gewordenen Bordeaux zur Armee und damit vor allem nach Paris zu kommen, später nicht wieder korrigiert, so wäre bereits in diesem Jahr das große Jubelfest gefeiert worden, das nun erst 2012 ansteht. Doch der Trubel jetzt im Herbst ist ihm schon groß genug: Als wollte Paris ihm dafür danken, dass es dem in Bordeaux geborenen Künstler vor sechs Jahrzehnten gar nicht schnell genug gehen konnte, hierher zu kommen, wird von diesem Wochenende an die bislang größte aller Sempé-Ausstellungen im Rathaus der Stadt gezeigt, mit fast vierhundert Zeichnungen.

          „Nein, es ist harte Arbeit“

          Ist es ihm eine Ehre, dort gezeigt zu werden? „Ich war noch nie da“, stellt Sempé knapp fest. Nie im Hôtel de ville? Nein, das offizielle Paris interessiert ihn nicht. Er will Leute dabei beobachten, wie sie den Alltag meistern, ist stets auf der Suche nach der natürlichen Haltung, die Passanten in den Straßen einnehmen. Deshalb ist er auch nie politischer Karikaturist geworden, obwohl es aus den sechziger und siebziger Jahren zahlreiche Zeichnungen gibt, die sich zum Beispiel den großen Demonstrationen jener Zeit in der französischen Hauptstadt widmen. „Non à la societé de la consommation!“ (Nein zur Konsumgesellschaft) steht da etwa auf einem Banner, das einem Protestzug vorangetragen wird, der immer wieder Mitglieder an die verlockenden Geschäfte am Straßenrand verliert. Die Betonung solcher Inkonsequenzen, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben, macht eines der Elemente von Sempés Humor aus. Und um die Demonstranten oder die Flaneure, Schulkinder, Heimkehrer und Straßenmusiker auf anderen Blättern herum entfaltet sich im tänzelnden Strich Sempés sein Paris. Es ist nie nach der Realität gezeichnet, jedes Architekturelement ist das Produkt seiner eigenen Phantasie, und doch ist es ein idealtypisches Paris.

          Trotzdem hat es lange genug gedauert, ehe die Stadt ihrem treuesten Porträtisten eine Präsentation an einem solch prominenten Schauplatz wie dem Rathaus angetragen hat. Und fast hätte das diesmal schon wieder nicht geklappt, weil sich die Stadt mit dem Verlag, der den Katalog druckt, wegen eines anderen Buches überworfen hat, das die Verwaltungsarbeit des Bürgermeisteramts kritisiert. Ob der Katalog überhaupt in der Schau zu kaufen sein würde, stand bis zuletzt in Frage. Aber immerhin: Die Ausstellung findet statt. So sehr wollte sich sogar sie selbstherrliche französische Politik nicht von ihren Ressentiments leiten lassen, als dass sie Sempé wieder ausgeladen hätte. So wird man vier Monate lang Gelegenheit haben, seine Bilder zu bewundern, bei freiem Eintritt. Nachdem vor zwei Jahren der Kinofilm „Le petit Nicolas“ mehrere Millionen Zuschauer fand, tritt nun der Künstler wieder ins Rampenlicht.

          Man mag das als ausgleichende Gerechtigkeit betrachten für die letzten Jahre: Sempé hat unangenehme Zeiten hinter sich. Bei einem Unfall vor einigen Jahren hatte er eine schwere Kopfverletzung davongetragen. Sein Gesicht war halbseitig gelähmt, und auch der Gebrauch von Armen und Händen war beeinträchtigt. Der Zeichner musste sich zeitweise Zeige- und Mittelfinger aneinanderbinden, um ein Verzittern seiner berühmten leichten Linie zu verhindern. „Die Grazie des Strichs, das ist das Talent“, erläutert Joelle Chariau während des Gesprächs einmal. Doch Sempé weist sie zurecht: „Nein, es ist harte Arbeit.“ In der Zeit nach der Verletzung war sie für ihn noch härter geworden. Fortan wurden die öffentlichen Auftritte noch rarer, Gespräche mit dem Künstler nahezu unmöglich. Sempé wollte nicht gesehen werden, um nichts erklären zu müssen. Besuche bei ihm sollen meist im Fiasko geendet haben. Wir waren gewarnt.

          Mitten im leeren Weiß des Bogens

          An diesem Tag strahlt die Sonne über Paris. Aus dem Dunkel des Aufzugs und eines engen Flurs treten wir ins überwältigende Licht des riesigen Raums mit dem Panoramafenster, in dem eine ganze Phalanx von Schreib- und Zeichentischen steht, jeder einzelne beladen mit ganzen Stapeln von in Arbeit befindlichen Zeichnungen. In einer schmalen Nische, die von drei Arbeitstischen begrenzt wird, sitzt auf einem Drehstuhl Sempé, gekleidet in crèmefarbene Hose und hellblaues Hemd, um den Hals einen langen weißen Schal. Selbst dem Sitzenden sieht man an, dass er groß ist, viel größer als erwartet, auch ein wenig fülliger geworden gegenüber den meist mehr als zwanzig Jahre alten Fotos. Sein Händedruck ist fest, die Stimme leise, aber warm und bestimmt. Von der Verletzung sieht man keine Spur mehr.

          Nach zehn Minuten haben wir einen formvollendeten Mann von ausgesuchter Höflichkeit kennengelernt. Andere Gespräche, so war uns in vorauseilendem Trost berichtet worden, waren nach dieser Zeit längst schon vorbei, man möge also nicht persönlich nehmen, falls so etwas geschehe. Das ist jedoch unvorstellbar, wenn man Sempé heute zuhört, wie er über seine Kunst erzählt - und von ihr erzählt bekommen möchte: „Wie finden Sie das? Ist es lustig?“ Schon nach einer Viertelstunde stehen wir neben ihm am eigentlichen Zeichentisch, der unmittelbar vor der Panoramascheibe plaziert ist, und bekommen von Joëlle Chariau ein Blatt nach dem anderen gereicht, zu dem Sempé jeweils eine Einschätzung hören will. Die Auswahl für seine Schau im Hôtel de Ville steht an, und wir wussten, dass es deshalb noch einiges zu arbeiten gebe. Nun sind wir für ein paar Stunden Teil dieser Arbeit geworden.

          Sempé zeichnet fast ausnahmslos auf Blätter von riesigem Format, egal ob das Motiv sie ausfüllen wird oder nur winzig bleibt. „Früher waren sie noch größer“, entgegnet er auf unser Erstaunen. Durch unsere Hände wandern ganze Suiten von kleinen Jungen, die mit Hunden spielen, nur wenige Zentimeter hoch gezeichnet, klein wie Vignetten, manchmal immerhin mit einem Detail im Hintergrund wie zum Beispiel einer Schaukel oder mit beiden Figuren auf einer Bank. Oder irgendwo auf einem Papierbogen, mitten im leeren Weiß des Bogens, sind zwei Männer im Gespräch vertieft, auf einem anderen amüsiert sich ein junges Mädchen im Garten.

          Das geht schnell, aber es ist langweilig

          So beginnt jede Zeichnung: mit der Anlage des Punktums, wie Roland Barthes jenes Element einer Abbildung genannt hat, die unweigerlich den Blick auf sich zieht. Womöglich ist mit den wenigen Strichen, die eine Figur bei Sempé braucht, schon alles geleistet - so ist es bei etlichen seiner schönsten Fahrradfahrer-Motiven der Fall, etwa dem, das er nun vorzeigt: zwei Radler, Vater und Sohn, der ältere nur mit schnellen Bleistiftlinien skizziert, der jüngere in akribischster Tusche fixiert.

          Oder aber der Zeichner spürt, dass noch etwas fehlt. Dann wird die Zeichnung ergänzt, gegebenenfalls um immer mehr Dekor, bis im Extremfall das ganze Blatt mit der Zeichnung gefüllt ist. Und dann hat man eine der unnachahmlichen Sempé-Ansichten von Konzertsälen, von großbürgerlichen Wohnzimmern, baumbestandenen Parks, weiten Landschaften oder eben von Pariser Straßen vor sich.

          Am nächsten Blatt wird es erläutert: Ein Mädchen sitzt unter einem Baum auf einer Bank. Dann wird ein Farbakzent auf ihrem Kleid ergänzt, unter der Bank eine kleine Fläche schattiert, das Geäst des Baums ausgeweitet. „Das geht schnell“, meint Sempé, „aber es ist so langweilig.“ Was ihn allein interessiert, sind die zentralen Bildfindungen. Deshalb möchte er von seinem Besucher wissen, ob die schon zu einer großen Illustration gediehene Tuschezeichnung zweier Jungen vor dem verschlossenen Tor eines Stadtparks auch noch koloriert werden soll. Doch wie soll man einem Mann raten, der noch vor jeder Antwort schon die Lösung weiß? „Vielleicht lege ich ein leichtes Blau als Aquarell über das Ganze.“

          Natürlich gibt es aber auch Motive, die von Beginn an aufs Großformat zielen. Sempé verlangt nach einer subtil kolorierten Orchesterszene: Im wunderbarsten Gesprächschaos gleichen da die Musiker ihre Notenblätter miteinander ab. Und obwohl Sempé gern einen bestimmten Typus zeichnet, wenn er solche Musiker inszeniert oder Pariser Großbürger oder Angestellte oder Hausfrauen, obwohl sich die Posen der Menschen in seinen Bildern wiederholen, weil er irgendwann endlich die perfekte Form für eine Haltung oder Bewegung gefunden hat, obwohl er also über ein imaginäres Musterbuch an Konstellationen und Physiognomien verfügt, das er im Kopf hat, wird jede der gewiss hundert Figuren auf der Bühne dieses Konzertsaals als Individualist vorgestellt.

          Für den „New Yorker“ wird nicht auf Bestellung gearbeitet

          „Das hat einen Monat Arbeit gekostet.“ Sempé sagt es beiläufig, das Blatt wird er an den „New Yorker“ schicken. Seit 1978 sind seine Zeichnungen regelmäßig auf dem Cover der Zeitschrift zu finden, und wie für jeden Illustrator der Welt bedeutete das auch für ihn den Ritterschlag. Den „New Yorker“ betrachtet er als Heimat, obwohl das Blatt in Amerika erscheint und obwohl Sempé nach Jahren nun wieder zu der französischen Zeitschrift zurückgekehrt ist, bei der er sich seinen Ruf als Cartoonist erworben hat, dem „Paris Match“. Da er auch für „L’Express“ zeichnet, hat er die populärsten Magazine seines Heimatlandes als Foren für seine Kunst.

          Für den „New Yorker“ indes wird nicht auf Bestellung gearbeitet, die Zeichner reichen ihre Bilder ein, und die Redaktion wählt aus, was ihnen gefällt. So haben einzelne Blätter Sempés schon Jahre darauf gewartet, gedruckt zu werden, aber das akzeptiert er und sendet zwischendurch immer wieder neue Vorschläge ein. Er holt einen zweiten hervor, man könnte das Motiv surreal nennen, doch es ist vor allem grandios komisch: Ein kleines Mädchen tritt ins Appartement seines Musiklehrers ein, und alles darin ist voller Kontrabässe. Ein weiteres Blatt zeigt den Blick über einen typischen New Yorker Hinterhof auf nächtliche Brownstone-Häuser und ins große erleuchtete Fenster eines Tanzstudios hinein. Und dann ist da noch das schlichte Bild eines Vaters, der zu seiner Familie heimkehrt und das Grundstück durch ein Regenbogentor betritt. Wollte man Sempés Virtuosität bei der Erzeugung sowohl von Stimmungen als auch feinstem Humor vorführen, wäre dieses Quartett von Titelblattentwürfen für den „New Yorker“ bereits ausreichend.

          Der Künstler selbst aber sperrt sich gegen das Lob: „Sie sind zu liebenswert.“ Zugleich aber kichert er, berührt als kleine Sympathiebekundung unseren Arm und fügt zu Joëlle Chariau gewandt hinzu: „Wir werden ihn nicht mehr weglassen, damit wir jeden Tag so erfreut werden können.“ Und dann legt er wieder die Finger der Rechten vor den Mund, als hätte er zu viel gesagt.

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          „Wissen Sie, was mich selbst zum Lachen bringt? Helen Hokinson, die große Zeichnerin des ,New Yorker’.“ Sempé holt einen Cartoonband heraus und zeigt uns die Zeichnung einer antikisch gekleideten Laienspielgruppe, in der ein Mann gegenüber diversen Matronen laut vom Blatt deklamiert: „Göttin Athene!“ Dann blättert er weiter: „Und hier, sehen Sie, der treibt mir vor Lachen die Tränen in die Augen.“ Es ist ein Cartoon von Kemp Starrett, erschienen 1932, in Sempés Geburtsjahr: Zwei Frauen durchkämmen das Rough auf einem Golfplatz, und die eine sagt: „Lass mich nachdenken. Wo würde ich hingehen, wenn ich ein Golfball wäre?“ Und Sempé hat wirklich Tränen in den Augen. „Lachtränen sind rasch vergessen“, sagt er, „aber als Duke Ellington gestorben ist, habe ich einen Monat lang geweint.“

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          Sempé ist der musikalischste aller Zeichner, ohne dass er selbst Musik machte. Seine Bilder von Musikern aber sind von tiefem Verständnis für deren Kunst geprägt. Im Nachbarzimmer, aus dem der Blick in den Hof geht und ein riesiger Flachbildschirm davon kündet, dass es selbst im nimmermüden Zeichnerleben von Sempé Momente der Zerstreuung geben kann, hängen an den Wänden die Arbeiten bewunderter Kollegen wie Chaval oder William Steig. Und unter ihnen ist auch eine einzige Zeichnung von Sempé selbst eingereiht: ein Pianist. Dieses Motiv hat er über Jahrzehnte hinweg immer wieder variiert, bis in die jüngste Zeit. An diesen Bildern kann man sehen, dass es keinen Altersstrich bei ihm gibt; alles wirkt frisch und spontan, selbst in der Wiederholung. Unter den Blättern, die wir durchgehen, ist eine weitere Pianistenszene, und wie Sempé dabei den Flügel ohne jede Konturzeichnung nur durch Lavierungen in den Raum einer weiten Bühne stellt, das ist einfach brillant: das gewaltige Instrument und der kleine Musiker. Man möchte den armen Mann erlösen.

          Deshalb war unser Gastgeschenk die Plattenaufnahme eines mechanischen Klaviers, nach den erhaltenen Welte-Mignon-Rollen, für die Ravel und Debussy selbst im Jahr 1912 ihre Kompositionen eingespielt hatten. Sempé ist hocherfreut: „Ich bin ein schrecklicher Nationalist und liebe nur Debussy und Ravel. Gut, da ist auch noch Stravinsky - sein ,Sacre’ ist toll. Aber die späteren Sachen“ - und schon ist die Hand wieder vor dem Mund, und er atmet hastig ein, als könnte er die Fortsetzung noch verschlucken -, „da war er nicht mehr so gut. Oder Boulez: ein großer Dirigent und eine so wunderbare Stimme im Radio, wenn er seine eigene Musik erklärt. Aber wenn er sie dann spielt - schrecklich! Was denken Sie als Deutscher denn über Stockhausen?“ Beunruhigt vernimmt er die Namen weiterer deutscher Komponisten: Henze, Rihm, Hartmann. Wenn schon keine Franzosen, dann möchten sie doch bitte Jazz spielen.

          Denn Sempés spezielle Liebe gehört dem Bebop, „ich verabscheue Free Jazz“. Duke Ellington, um den er so sehr getrauert hat, ist sein Lieblingsmusiker. „Besonders bewundere ich ihn dafür, der große Anreger von Thelonious Monk gewesen zu sein, indem er den Finger auf dem Klavier diesen winzigen Hauch daneben setzte.“ Dann schwärmt er von Flaubert, von Hergé, dessen „Tim und Struppi“ er immer noch regelmäßig lese. Vorsichtig erkundigt er sich nach der Qualität seiner Bücher in Deutschland, dabei währt seine Zusammenarbeit mit dem Diogenes Verlag schon Jahrzehnte, aber Sempé lässt nie einen Zweifel daran, dass er den Moment fürchtet, in dem er sich seiner eigenen Sache zu sicher wird. Müssten wir überhaupt so viel über ihn reden? „Was interessiert Sie? Nein, nicht an humoristischen Zeichnungen - generell an Kunst!“ Und dann hört er zu.

          Da wird plötzlich spürbar, wie einsam es bisweilen um den großen alten Mann in seinem Atelier hoch über Paris sein muss, wo er so wenige Gespräche zulässt. Von seinem Privatleben weiß man nicht viel mehr, als dass seine erste Ehe nicht gehalten hat und die Kinder ihn nur noch selten besuchen. „Ich zeichne die ganze Zeit“ - dieser Satz klingt mit einem Mal wie Resignation. Und bei seinem Bedauern über die Entscheidung des hochgeschätzten Kollegen Saul Steinberg, seinen Nachlass komplett an die Yale University zu geben, die damit aber nicht vernünftig umgegangen sei, kann man nicht umhin, daran zu denken, was eines Tages aus dem Schatz werden soll, der in diesem Atelier liegt. Steinberg ist mittlerweile seit zwölf Jahren tot: „So viele meiner Freunde sind gestorben.“

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          „In meinen Zeichnungen kommt der Tod nicht vor.“ Noch einmal geht die rechte Hand zum Mund. „Weil ich Angst vor ihm habe.“ Dann lacht Sempé noch einmal leise: „Aber damit exorziere ich ihn auch aus meinem Leben.“

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