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Besondere Vorlieben : Die Kunst, die Hitler sammelte

  • -Aktualisiert am

Es ist ein Sensationsfund: Über die private Gemäldesammlung des Diktators war fast nichts bekannt. Jetzt ist in Washington ein Fotoalbum aufgetaucht. Es zeigt eine Kollektion, auf die Hitler besonders stolz war. Auch deshalb, weil er sie angeblich privat finanziert hat.

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          Hitler war überzeugt davon, dass die Geschichte ihn auf lange Sicht als Kunstmäzen in Erinnerung behalten würde: „Kriege“ - so äußerte er 1942 im Führerhauptquartier - „kommen und vergehen, was bleibt, sind einzig die Werke der Kultur. Daher meine Liebe zur Kunst, Musik und Architektur!“ Besonders verbunden fühlte er sich der Malerei, sie stand am Anfang und Ende dieser katastrophalen Laufbahn. Als Kunstmaler hatte er begonnen, und in seinem Ruhestand wollte er sich, in Analogie zu den Vorbildern Ludwig I. von Bayern und Friedrich dem Großen von Preußen, einer Gemäldesammlung widmen. Für diese sollte bekanntlich in Linz an der Donau ein großes Museum errichtet werden.

          Eingesetzt hatte die Sammeltätigkeit Ende der zwanziger Jahre, mit dem Bezug einer repräsentativen Wohnung am Münchner Prinzregentenplatz. Mit Unterstützung seines Freundes, des Fotografen Heinrich Hoffmann, trug Hitler hier bereits einige Gemälde zusammen. Später expandierte die Sammlung in den Berghof, die Alpenresidenz auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Noch galt Hitlers Interesse lediglich der Ausstattung seiner Wohnsitze, erst 1938 entwickelte er die Idee, eine Museumssammlung aufzubauen, und installierte im Jahr darauf zu diesem Zweck den „Sonderauftrag Linz“ unter Leitung des Dresdner Galeriedirektors Dr. Hans Posse. Während die Forschung über Hitlers Museumsbilder durch die Fotoalben „Gemäldegalerie Linz“ gut unterrichtet sind, war über die Privatsammlung bisher so gut wie nichts bekannt.

          Hitlers ganzer Stolz

          Doch jetzt ist sie in einem Archiv aufgetaucht: In „Hitlers Bibliothek“, einem Konglomerat von zwölfhundert Bänden in der Kongressbibliothek in Washington, hat sich ein Fotoalbum erhalten, das nachträglich und provisorisch mit Bleistift beschriftet wurde: „Katalog der Privat-Galerie Adolf Hitlers“.

          Das in Pergament gebundene Album zeigt bekannte Gemälde aus der großen Halle des Berghofes wie die „Nanna“ von Anselm Feuerbach, „Venus und Amor“ von Paris Bordone und die beiden großen Gobelins, hinter denen sich die Vorrichtungen für das Heimkino verbargen. Hitler war besonders stolz auf seine Berghof-Galerie. Wie Zeugen berichten, soll er an seinem letzten Abend im Berghof im Juli 1944 langsam an ihnen vorbeigegangen sein, so als habe er Abschied nehmen wollen. Er hatte die Gemälde auf dem deutschen Kunstmarkt angekauft und legte Wert auf die Feststellung, dass er sie privat bezahlt habe.

          Die Vorlieben des Sammlers

          Da Hitler seine persönlichen Unterlagen zu Kriegsende verbrennen ließ, lässt sich nur ein Indizienbeweis für die Privatfinanzierung führen: dass nämlich die Bilder im Album in den Unterlagen der Reichskanzlei, welche die „offiziellen“ Gemäldeankäufe Hitlers abwickelte, nicht verzeichnet sind. Als Privatmann standen Hitler nur begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung. Nicht zuletzt deshalb erreicht die Qualität der Privatsammlung bei weitem nicht die der Museumssammlung, die aus der Staatskasse finanziert wurde.

          Die Privatkollektion folgt auch keiner kunsthistorischen Systematik, sondern den geschmacklichen Vorlieben des Sammlers. Entsprechend sind die Kleinmeister des neunzehnten Jahrhunderts wie Carl Spitzweg, Heinrich Bürkel oder Rudolf Epp stark vertreten. Andere Gemälde weisen einen persönlichen Bezug zu Hitler auf, etwa die nach Fotografien gemalten Porträts von seinen Eltern, die im Arbeitszimmer des Berghofes hingen.

          Zwei Gemäldelisten liefern Aufklärung

          Über die Gemälde der Münchner Wohnung, die das nun aufgefundene Washingtoner Album vorführt, war bisher fast nichts bekannt. Während die Innenausstattung der Haupträume des Berghofes fotografisch dokumentiert und vielfach publiziert wurde, etwa 1939 in dem Magazin „Die elegante Welt“, durfte die Münchner Wohnung aus Sicherheitsgründen nicht fotografiert werden. Eine Erwähnung in Heinrich Hoffmanns Erinnerungsbuch „Hitler, wie ich ihn sah“ vermittelte bisher nur vage Vorstellungen; Aufklärung liefern nun die zwei Gemäldelisten der Wohnung, die sich in den National Archives in Washington befinden.

          Die eine stammt vermutlich von Heinrich Hoffmann, die andere scheint vom Central Collecting Point in München 1947 zusammengestellt worden zu sein. Hoffmanns Liste weist einen „Honigdieb“ von Lucas Cranach auf, die andere Auflistung vermerkt, dass sich ein Cranach mit der Darstellung „Eva, den Paradiesapfel pflückend“ im Wohnzimmer befunden habe. Das Washingtoner Fotoalbum führt uns nun das Gemälde vor Augen: Venus posiert unter einem Apfelbaum und streckt ihren rechten Arm in das Geäst, was zu der falschen Bestimmung als apfelpflückende Eva in einer der Listen geführt haben dürfte.

          Mitbringsel aus Berchtesgaden

          Das Spitzenwerk Cranachs befindet sich heute in der National Gallery in London, die es 1962 von einem New Yorker Kunsthändler gekauft hat - unter der Angabe, er habe es von den Erben des Frankfurter Sammlers Emil Goldschmidt erworben. Tatsächlich hatte der New Yorker Händler das Bild von der amerikanischen Journalistin Patricia Lochridge Hartwell gekauft, die es im Sommer 1945 aus Berchtesgaden mitgebracht hatte.

          Sie hatte sich dort aufgehalten, um einen Bericht über die lokale Militärverwaltung für eine Frauenzeitschrift zu verfassen. Für einen Tag hatte sie - eine Idee des Kommandanten - die Leitung der Militärverwaltung übernommen. Vermutlich zum Dank und auch im Hinblick auf eine möglichst positive Berichterstattung wurde ihr der Cranach geschenkt.

          Von der SS bedroht

          Auf den Obersalzberg war der Cranach vermutlich aus Luftschutzgründen gebracht worden. Höchst ungewöhnlich ist indes, dass es sich noch bei Kriegsende dort befand, waren doch die Kunstwerke der übrigen Gebäude gegen Ende des Krieges in das Bergungsdepot Hitlers, das Salzbergwerk von Altaussee, gebracht worden.

          Warum war gerade Hitlers Privatsammlung, die diesem so viel bedeutete, in der Alpenresidenz geblieben? Der Grund dürfte darin zu finden sein, dass Bormann den Berghof zum letzten Hauptquartier Hitlers machen wollte. Die Gemälde mussten also auf Hitler warten. Doch dieser entschied sich bekanntlich für ein Ende in der Reichshauptstadt, seine und Eva Brauns persönlichen Hinterlassenschaften, darunter auch Gemälde, befanden sich zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits in den Kavernen. So überstanden sie zwar die Bomben, waren jedoch bald von anderer Seite bedroht, da die SS beabsichtigte, bei ihrem Abzug die Kavernen zu sprengen.

          Von der Sekretärin gerettet

          Rettung, zumindest für einige Gemälde, kam von Hitlers Sekretärin Christa Schroeder, die sein Interesse für die Malerei geteilt hatte. Wie sie Jahre später berichtete, organisierte sie einen Lastwagen und suchte sie „die wertvollsten Gemälde, alle künstlerischen Kostbarkeiten, Evas Tafelsilber, silberne Kassetten und so weiter in den Kavernen zusammen und beauftragte die Männer des BKD mit der Verladung: Es befanden sich sehr großflächige Gemälde darunter, wie zum Beispiel ein Bordone und ein Tintoretto, die, da die Treppe zur Straße zerstört, schwierig über den mit Schneematsch bedeckten Südhang zu transportieren waren.“

          Ziel des ungewöhnlichen Transports war Schloss Fischhorn im Pinzgau, das wegen seiner Lage nur schwer einnehmbar war. Hier war eine Einheit der SS stationiert, hierhin hatte Hermann Fegelein nach dem Warschauer Aufstand im August 1944 die beschlagnahmten, noch in Warschau lagernden polnischen Kunstwerke abtransportiert. Die geraubten Werke füllten sechzehn Waggons. Auch der Kunsttransport aus dem Berghof hat seinen Zielort erreicht. Einige Privatgemälde Hitlers befinden sich heute im Nationalmuseum in Warschau, Bordones „Venus und Amor“ etwa und die „Römischen Ruinen“ von Giovanni Paolo Pannini, ein Gemälde, das in der verglasten Veranda gehangen hatte.

          Ein vertrackter Fall von Raubkunst

          Auch Hitlers Lieblingsgemälde, die Feuerbachsche „Nanna“, hat seinen Weg in ein Museum gefunden: Christa Schroeder nahm es mit auf ihre Flucht und hatte das Bild auch noch bei sich, als sie aufgegriffen und im Lager Mannheim-Seckenheim interniert wurde. Von hier aus ging es an den Collection Point für Kunstwerke in Wiesbaden. Da es aus „arischem“ Besitz von Hitler angekauft worden war, gelangte es in den Besitz der Bundesrepublik Deutschland und befindet sich heute als Dauerleihgabe im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund.

          Der Cranachsche „Honigdieb“ war indes auf dem Obersalzberg verblieben und dann in ein Kunstlager der amerikanischen Militärverwaltung eingegangen. Dass der Kommandant hier einfach zugriff und das Gemälde verschenkte, war nicht legal, aber gängige Praxis. Eine Folge ist, dass immer noch eine große Lücke in der Provenienz klafft. Doch eine Spur könnte weiterführen: Der englische Journalist Ward Price, ein von Hitler hofierter Korrespondent der Daily Mail, erwähnte 1939 die Cranachsche Venus in der Münchner Wohnung und bemerkte zusätzlich, Hitler habe sie kürzlich erworben.

          Es könnte sich also um diejenige „nackte Venus“ handeln, die der Thüringische Gauleiter Fritz Sauckel Hitler zum 50. Geburtstag am 21. April 1939 geschenkt hatte. Die Vermutung, dass es sich dabei um Raubkunst handelt, liegt nahe. Wie aber die Identität der Gemälde belegen, wenn wir nur schriftliche Nachrichten über und keine Reproduktion des Sauckelschen Geschenkes haben? Der vertrackte Fall der Cranachschen Venus mag einen Einblick in die Schwierigkeiten der Provenienzforschung geben, die in Zukunft noch viele solcher Fälle zu lösen haben wird. Bildquellen wie dem vorgestellten Album kommen bei dieser Aufgabe eine absolute Schlüsselrolle zu.

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