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Besondere Vorlieben : Die Kunst, die Hitler sammelte

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Die Privatkollektion folgt auch keiner kunsthistorischen Systematik, sondern den geschmacklichen Vorlieben des Sammlers. Entsprechend sind die Kleinmeister des neunzehnten Jahrhunderts wie Carl Spitzweg, Heinrich Bürkel oder Rudolf Epp stark vertreten. Andere Gemälde weisen einen persönlichen Bezug zu Hitler auf, etwa die nach Fotografien gemalten Porträts von seinen Eltern, die im Arbeitszimmer des Berghofes hingen.

Zwei Gemäldelisten liefern Aufklärung

Über die Gemälde der Münchner Wohnung, die das nun aufgefundene Washingtoner Album vorführt, war bisher fast nichts bekannt. Während die Innenausstattung der Haupträume des Berghofes fotografisch dokumentiert und vielfach publiziert wurde, etwa 1939 in dem Magazin „Die elegante Welt“, durfte die Münchner Wohnung aus Sicherheitsgründen nicht fotografiert werden. Eine Erwähnung in Heinrich Hoffmanns Erinnerungsbuch „Hitler, wie ich ihn sah“ vermittelte bisher nur vage Vorstellungen; Aufklärung liefern nun die zwei Gemäldelisten der Wohnung, die sich in den National Archives in Washington befinden.

Die eine stammt vermutlich von Heinrich Hoffmann, die andere scheint vom Central Collecting Point in München 1947 zusammengestellt worden zu sein. Hoffmanns Liste weist einen „Honigdieb“ von Lucas Cranach auf, die andere Auflistung vermerkt, dass sich ein Cranach mit der Darstellung „Eva, den Paradiesapfel pflückend“ im Wohnzimmer befunden habe. Das Washingtoner Fotoalbum führt uns nun das Gemälde vor Augen: Venus posiert unter einem Apfelbaum und streckt ihren rechten Arm in das Geäst, was zu der falschen Bestimmung als apfelpflückende Eva in einer der Listen geführt haben dürfte.

Mitbringsel aus Berchtesgaden

Das Spitzenwerk Cranachs befindet sich heute in der National Gallery in London, die es 1962 von einem New Yorker Kunsthändler gekauft hat - unter der Angabe, er habe es von den Erben des Frankfurter Sammlers Emil Goldschmidt erworben. Tatsächlich hatte der New Yorker Händler das Bild von der amerikanischen Journalistin Patricia Lochridge Hartwell gekauft, die es im Sommer 1945 aus Berchtesgaden mitgebracht hatte.

Sie hatte sich dort aufgehalten, um einen Bericht über die lokale Militärverwaltung für eine Frauenzeitschrift zu verfassen. Für einen Tag hatte sie - eine Idee des Kommandanten - die Leitung der Militärverwaltung übernommen. Vermutlich zum Dank und auch im Hinblick auf eine möglichst positive Berichterstattung wurde ihr der Cranach geschenkt.

Von der SS bedroht

Auf den Obersalzberg war der Cranach vermutlich aus Luftschutzgründen gebracht worden. Höchst ungewöhnlich ist indes, dass es sich noch bei Kriegsende dort befand, waren doch die Kunstwerke der übrigen Gebäude gegen Ende des Krieges in das Bergungsdepot Hitlers, das Salzbergwerk von Altaussee, gebracht worden.

Warum war gerade Hitlers Privatsammlung, die diesem so viel bedeutete, in der Alpenresidenz geblieben? Der Grund dürfte darin zu finden sein, dass Bormann den Berghof zum letzten Hauptquartier Hitlers machen wollte. Die Gemälde mussten also auf Hitler warten. Doch dieser entschied sich bekanntlich für ein Ende in der Reichshauptstadt, seine und Eva Brauns persönlichen Hinterlassenschaften, darunter auch Gemälde, befanden sich zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits in den Kavernen. So überstanden sie zwar die Bomben, waren jedoch bald von anderer Seite bedroht, da die SS beabsichtigte, bei ihrem Abzug die Kavernen zu sprengen.

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