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Berthe Morisot in Paris : Vom Sein der Frau im impressionistischen Bild

  • -Aktualisiert am
Le berceau, 1872, Huile sur toile, 56 x 46.5 cm

Morisot gehört zu dieser Avantgarde, die sich bewusst ist, die Moderne zu begründen. Die „neue Malerei“, wie der Kritiker Edmond Duranty sie nennt, zeigt den zeitgenössischen Menschen, die moderne „Figur“, als bourgeoisen Städter in seinen Interieurs oder draußen im Freien, dort, wo man seit kurzer Zeit auch gerne plein air malt: auf dem Spaziergang etwa, beim Picknick, in der Sommerfrische auf dem Land oder am Meer. Nur selten malt Morisot ausdrückliche Porträts, denn es handelt sich vielmehr um eine selbstverständliche, spontane Präsenz der figure im Bildraum, um eine impression – eine lebendige Momentaufnahme also, in der der Betrachter die Stimmung der Person, aber genauso einer Landschaft augenblicklich spürt. Für die erste Impressionistenausstellung wählt Morisot das Gemälde „Cache-Cache“, auf dem eine Mutter mit ihrem Kind um einen Busch herum Versteck spielt.

Die Wahl des Sujets könnte bezeichnend gewesen sein, denn die Künstlerin selbst musste mit ihrer sozialen Rolle Versteck spielen und mit ihrer Position als nahezu einziger Malerin auf weiter Flur vereinen, die sie nur mit der amerikanischen Impressionistin Mary Cassatt teilte. Das Gemälde beweist auch ihre virtuose und scheinbar so leichte künstlerische Hand. Es ist typisch für ihre Arbeit, dass sie mit einem transparenten Weiß Akzente setzt, eine schnelle, nervöse Pinselführung hat und Gesichtszüge oft nur andeutet. Manchmal denkt man schon an Pierre Bonnard. In ihren Gemälden ist immer Bewegung, und wenn es nicht die physische ist, dann fängt ihre Malerei die Bewegung der Seele ein oder eine im Bildraum vibrierende Stimmung. Selbst die stillsten Bilder vermitteln eine Spannung, etwa das Porträt der schwangeren Schwester Edma, die wie eine schwarze Masse in der Ecke eines Sofas sitzt, oder eine spürbar böige Schwingung, wie bei der auf einer Wiese lesenden Frau in „La Lecture“.

Die Figur als Schwerpunkt

Mehr als zwei Drittel der Gemälde von Berthe Morisot, deren Werkverzeichnis 423 Gemälde umfasst, zeigen Figuren, oft Frauen oder Kinder. Morisot malte ihre nächste Umgebung – die Mutter und Schwestern, dann die Nichten, ihren Mann und die Tochter Julie. Ab Mitte der 1870er Jahre wird ihre Malerei auch insofern professioneller, als sie nun häufig mit Modellen arbeitet: Frauen, die vor dem Spiegel, beim Ankleiden oder in einem Garten mit sich allein sind. Die Modelle posieren nicht, sondern sind mal in Gedanken versunken wie „Modèle au repos“, mal in ihr eigenes Spiegelbild vertieft wie die junge Frau in „La psyché“.

Die Schau im Orsay-Museum setzt den Schwerpunkt auf die Figur und möchte das Klischee einer charmanten, eleganten, raffinierten, also platt „weiblichen“ Malerei, das Berthe Morisot noch anhaftet, hinterfragen. Dass sich Morisot weder für die moderne Dampflok noch das Licht auf Kathedralen interessiert, sondern vornehmlich für das Leben der Frauen ihrer Zeit und den weiblichen Körper im Raum – die Kleidung, die private und öffentliche Sphäre –, bleibt unabweisbar. Spannend ist, wie sie das darstellt, ohne jeglichen Voyeurismus nämlich und mit einer besonderen Fähigkeit, psychischen Ausdruck zu vermitteln. Die Ausstellung macht so anschaulich, wie emotional prägnant ihre Malerei ist, wie entschieden in der Pinselführung und wie bewusst, wann ein Gemälde fertig zu sein hat. Deutlich wird aber auch die Melancholie und Einsamkeit dieser Frauen, die in ihrer engen Rolle Existenz suchen.

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