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Umbos Fotos in Berlin : Zwischen Schatten und Trümmern

Dolce vita in der Weimarer Republik: Umbos Selbstporträt mit Sonnenbrille von 1930 Bild: Phyllis Umbehr/ Galerie Kicken Berlin/ VG Bild-Kunst Bonn

Er lernte sein Handwerk mit einer veralteten Kamera, dennoch wurde Otto Umbehr alias Umbo zu einem der bekanntesten Fotografen der Weimarer Republik. Im Nationalsozialismus arbeitete er eigensinnig weiter. Und nach dem Krieg?

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          Wenn die Geschichte stimmt, begann die Karriere des Fotografen Umbo mit einem Zusammenbruch. Am 12.Dezember 1926 verliert Otto Umbehr auf der Toilette des Romanischen Cafés gegenüber der Berliner Gedächtniskirche das Bewusstsein. Ein Krankenwagen transportiert ihn zur Rettungswache im nahen Bahnhof Zoo. Dort holt Paul Citroen, ein Studienkollege Umbehrs aus dessen „Bauhaus“-Zeit, den wohnungslosen und durch Mangelernährung geschwächten Freund ab und bringt ihn in seinem Elternhaus unter.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Citroen, Sohn eines holländisch-jüdischen Pelzhändlers, ist der Mittelpunkt eines Freundeskreises avantgardistischer Künstler und Mäzene, zu dem neben Paul Klee und Herwarth Walden auch die Schriftstellerin Ruth Landshoff und die Designerin Lore Leudesdorff gehören. Mit der alten Reisekamera von Citroens Vater macht Umbehr Porträtaufnahmen von Landshoff, Leudesdorff, Citroen und sich selbst. Sein Gastgeber richtet ihm eine Dunkelkammer ein. Im Juni 1927 erscheinen Fotos von Umbehr in zwei Berliner Zeitschriften. Ein halbes Jahr später bezieht er ein Atelier in Charlottenburg. Als Künstler nennt er sich Umbo.

          Seine erste Kamera stammte von seinem Vater

          Wenn man die Fotos aus jenem Frühling vor neunzig Jahren in der Umbo-Retrospektive der Berlinischen Galerie betrachtet, möchte man nicht glauben, dass sie von einem Autodidakten stammen. Aber in der Fotografie, wie in der Kunst der Moderne überhaupt, war eine akademische Ausbildung nie die Voraussetzung ästhetischer Durchbrüche. Bei Umbo sieht man, wie ein Außenseiter den Formenkanon seiner Zeit aus den Angeln hebt. Seine extremen Großaufnahmen, manche verschwommen und düster, andere überscharf mit beißenden Kontrasten (für die er Agfa-Röntgenfilmplatten benutzte), übertragen die Ausdrucksmöglichkeiten des Stummfilms ins fotografische Medium. Besonders in der quecksilbrigen Ruth Landshoff findet Umbo die ideale Spielfigur für seine Erkundungen. Er zeigt sie als Phantom mit Augenmaske oder Strohhut, als lyrische Schönheit oder dämonisches Spiegelbild, als Weibchen mit Katze oder Verführerin mit Rauchermundstück.

          Dabei fußt diese Experimentalfotografie auf einem Anachronismus. Die Kamera, mit der Umbos erste Aufnahmen entstanden, kam aus dem Besitz seines Vaters und stammte von 1900; ihre übergroßen Fotoplatten wurden durch Abnehmen des Verschlussdeckels und mit Hilfe eines brennenden Magnesiumstreifens belichtet. Die Avantgarde verband sich mit der Technik von vorgestern.

          Anatomie eines Gesichts: Umbos Porträt der Schriftstellerin Ruth Landshoff von 1926 Bilderstrecke

          Überhaupt fällt es schwer, Umbo einen festen Platz in der Fotografiegeschichte zuzuweisen. Er ist stets Handwerker und Fotokünstler, Amateur und Profi zugleich. Zwei Jahre nach seinem Debüt fotografiert er den Clown Grock in der Garderobe wie ein Schüler von Erich Salomon oder Frieda Riess. Im Jahr 1931 entsteht eine Serie von Probenporträts („Umbo knipst Artisten“) im Stil einer Sozialreportage, wie sie durch Brechts „Kuhle Wampe“ auch im Kino gerade hoffähig wird. Dazwischen, Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre, macht der rasch zum Markenzeichen werdende Fotograf viele der Bilder, die seinen Nachruhm begründen, darunter die „Unheimliche Straße“ mit ihren Schattengestalten und die phantasmagorische „Nacht in der Kleinstadt“, das „Strandleben“ mit seinen regellos ineinander verschlungenen Paaren im Sand oder der „Spielhof eines Kindergartens“ in einem Berliner Arbeiterviertel.

          Albtraum und surrealer Tagtraum zugleich

          Allen gemeinsam ist der Blick von oben auf eine Welt, die sich den geläufigen und derzeit wieder kursierenden Deutungsmustern entzieht. Die Weimarer Republik ist bei Umbo Armenhaus und Idyll, Albtraum und surrealer Tagtraum zugleich. Sie trotzt allen Generalisierungen, so wie auch Umbos Leben auf keinen klaren Nenner zu bringen ist. Als sein Arbeitgeber Simon Guttmann, für dessen Agentur Dephot er seit 1928 gearbeitet hat, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrieren muss, passt sich Umbo der politischen Lage an, er fotografiert deutsche Dichter, französische Ballerinen, Bauernmädchen im Arbeitslager, eine Hitler-Büste und einen Ritterkreuzträger. Aber er lässt in seinem Atelier auch kommunistische Flugblätter drucken, bildet inoffiziell eine Jüdin zur Fotografin aus und unterhält ein Netzwerk antifaschistischer Bekanntschaften.

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