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Berliner Schloßplatz : Zwischenlösung Wolke?

  • -Aktualisiert am

Nach Abriß des Palastes der Republik will die Stadt den Berliner Schloßplatz begrünen. Die Kunstzeitschrift „Monopol“ hat jetzt mit prominenter Unterstützung ein „Moratorium“ gefordert. Und eigene Vorschläge, die sich sehen lassen können.

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          Eigentlich müßte der Vorschlag, auf dem wüsten Berliner Schloßplatz eine temporäre Kunsthalle einzurichten, bei Wilhelm von Boddien helle Begeisterung hervorrufen. Oder wenigstens Wehmut. Denn genauso wie die jüngste Initiative der Berliner Kunstzeitschrift „Monopol“ hat der unermüdliche Schloßrekonstrukteur Boddien vor vielen Jahren auch einmal begonnen: mit einer verführerischen Idee, energischem Enthusiasmus und einem süffigen Bild, das alle Fragen nach Rentabilität und Nutzwert erst einmal als langweilig disqualifizierte.

          Fünf Architekturbüros haben die Magazinmacher vor ein paar Wochen um Entwürfe für die hauptstädtische Brache gebeten, die nach dem Abriß des Palastes der Republik von der Bauakademie bis zum Fernsehturm reichen wird, und die verschiedenen Vorschläge für eine provisorische, schnell und preiswert zu errichtende, aber ebenso rasch auch wieder demontierbare Ausstellungsstruktur haben ein erstaunlich positives Echo gefunden.

          Als hätte es nicht schon Hunderte von Visionen für den Schloßplatz gegeben, die allesamt spurlos im Archiv der Baugeschichte verschwunden sind, löste ausgerechnet die sommerliche Phantasie von Büros wie Sauerbruch + Hutton, Graft Architekten oder Gerkan, Marg und Partner heftigen Zuspruch aus. Mittlerweile hat sich ein sehr bunter, sehr berlinischer Unterstützerkreis gebildet, dem Alfred Biolek ebenso angehört wie Dietrich Wildung, der Direktor des Ägyptischen Museums, der Dirigent Ingo Metzmacher, der Architekt David Chipperfield und der Maler Norbert Bisky und professionelle Kulturvermittler wie Peter Raue, der Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, ohnehin.

          Museum mit eingebautem Verfallsdatum

          Das mag zum Teil an dem ruppigen Charme der Entwürfe liegen, die mehrheitlich auf eine Container-Ästhetik des Ephemeren setzen. Nur Graft-Architekten haben eine dynamische, sichtlich von Oscar Niemeyer inspirierte Doppelschalenkonstruktion erfunden, eine Sommerwolke, die denn auch nicht zufällig besonders häufig in den Medien abgebildet wurde. Das eigentlich Magnetische des Vorschlags aber steckt im Konzeptionellen: Er besetzt den prominentesten und offensten Ort der Stadt mit der heißesten, hippsten und strahlkräftigsten Ware der deindustrialisierten Kapitale: mit Kunst. Junge, zeitgenössische, dabei durchaus marktgängige Kunst, Mode und Design - das sind die Markenzeichen der Hauptstadt im globalisierten Städtewettbewerb, die international bestaunten Labels, die der Regierende Bürgermeister Wowereit in die unsterbliche Bemerkung gepackt hat, Berlin sei „arm, aber sexy“. Und so ähnlich funktioniert auch die Museumsidee für den Schloßplatz.

          Einer derer, die davon sichtlich nicht begeistert sind, ist Wilhelm von Boddien. Denn trotz aller Beteuerungen der Kunsthallen-Initiatoren, ihr „Museum auf Zeit für die Kunst von heute“ habe ein eingebautes Verfallsdatum, es sei nur eine Zwischenlösung für die Phase zwischen Palastabriß und Beginn des Schloßbaus irgendwann im Jahr 2010 oder 2012, fürchtet der Schloßherr, hier könne ein Provisorium auf Dauer entstehen oder jedenfalls ein Konkurrenzunternehmen für das Schloß. Dabei ist Florian Illies, einer der Herausgeber des Kunstmagazins, schon seit Jahren ein entschiedener Befürworter der Rekonstruktion des Hohenzollern-Schlosses.

          Vage Konkurrenz

          Tatsächlich sind die erstaunlich wohlwollenden Reaktionen auf den Vorschlag von „Monopol“ vor allem ein Mißtrauensvotum gegen die bisherigen Pläne für die Zwischennutzung des Schloßareals. Bislang war vorgesehen, die nach dem Palastabriß freiwerdende Fläche einfach zu begrünen - der Park als kleinster gemeinsamer Nenner der Stadtplanung. Die Ausschreibungsfrist eines vom Berliner Senat ausgelobten Wettbewerbs für eine „temporäre Freiraumgestaltung“ des Geländes läuft dieser Tage aus, Ende September will Berlin die Sieger der Ausschreibung präsentieren. Auf einem Teil der Rasenfläche soll Platz sein für eine sogenannte Humboldt-Box, eine gleichfalls provisorische Installation, in der für das hinter den Barockfassaden des Schlosses dereinst geplante „Humboldt-Forum“ geworben werden soll.

          Was das werden könnte, haben die Initiatoren von den Staatlichen Museen und der Humboldt-Universität der Öffentlichkeit noch nicht recht vermitteln können. Immer wieder ist lediglich vage von einem Ort der Begegnung der Weltkulturen, der Symbiose von Kunst und Wissenschaften die Rede. Das klingt nicht schlecht, hat auch längst den Segen des Bundestages erfahren, vermag aber nicht recht zu begeistern. Und sieht neben einem Vorschlag wie dem der Monopolisten reichlich blaß und brav aus. Die haben nun, mit neuerlicher Unterstützung von allerlei Prominenten, in einem Brief an Klaus Wowereit um ein „Moratorium“ bei der Begrünung des Schloßplatzes gebeten, um ihre eigenen Vorschläge in die Planung einbringen zu können. Auch den Verfechtern des „Humboldt-Forums“ böte ein solcher Aufschub Gelegenheit, ihre Vorstellungen zu schärfen und deutlicher zu machen. Eine Konkurrenz der Ideen jedenfalls kann das Gespräch über die Zukunft des Berliner Schloßplatzes nur beleben.

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