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Berliner Schloss : Fassaden zu Passagen

Sein Vorschlag für den Eosanderhof ist gewöhnungsbedürftig, die Spreefassade muss nachgebessert werden, aber insgesamt kann man mit dem Siegerentwurf des Italieners Franco Stella für das Berliner Schloss hochzufrieden sein.

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          Die Überraschung besteht darin, dass es keine gibt: Der Wettbewerb für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ist ohne Krach zu Ende gegangen, ohne Juryaustritte, ohne Minderheitsvotum. Stattdessen gab es ein einstimmiges Ergebnis, das, wie es scheint, sogar ohne politischen Druck zustande kam. Die Fronten in der Jury, sagte deren Vorsitzender Vittorio Magnago Lampugnani am Freitag bei der Vorstellung des Siegerentwurfs, seien viel "komplizierter" gewesen als in den Medien dargestellt. Mit anderen Worten: Es gab keinen Richtungsstreit zwischen Tradition und Moderne. Es wurde um die Sache gestritten, nicht um Prestige und Symbolik. Die Sache, das Schloss, ist symbolisch genug.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.


          Die Verteilung der Massen


          Was ist nun so überzeugend an dem Entwurf des Italieners Francesco Stella, der sich als Architekt Franco Stella nennt, dass er alle fünfzehn Juroren für sich gewann? Vereinfacht gesagt, ist es die Verteilung der Massen in dem neuen Gebäude. Im alten Hohenzollernschloss war der westliche der beiden Innenhöfe, der sogenannte Eosanderhof, deutlich größer als der östliche ältere Schlüterhof. Stella verkleinert nun den Westhof auf dessen Format und gewinnt damit einen Gestaltungsraum, den er auf stupende Weise nutzt. Er teilt den Mittelflügel des Schlosses in zwei schlanke, galerieartige Baukörper und legt zwischen beide eine Passage, die vom westlichen der beiden Nordportale zum entsprechenden Südportal führt und genau die Breite der zwei barocken Tore hat.

          Dadurch wird nicht nur die ästhetische Gestalt, sondern auch die städtebauliche Funktion des Neubaus augenfällig. Er ist ein Schaukasten der Berliner Republik und zugleich ein Durchgang von der Museumsinsel in die südliche Berliner Mitte. Wenn es eine Idee gibt, die Stellas Entwurf aus allen konkurrierenden Vorschlägen im Schlosswettbewerb heraushebt, dann ist es diese Prachtpassage, in der sich die Reminiszenz an die Uffizien in Florenz mit der an die römischen Kaiserforen, vor allem das des Nerva, in zeitgemäßen Formen verbindet.


          Konkurrenz für die Agora


          In den Eosanderhof, dessen historische Fassade, anders als die des Schlüterhofs, nur partiell rekonstruiert wird, stellt der Architekt aus Vicenza zwei hohe Ausstellungskuben, die ein kassettiertes Glasdach untereinander und mit dem Schlosskörper verbindet. Damit schafft er die geforderte zusätzliche Nutzfläche und gibt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Gelegenheit, ihrer "Agora", einer frei zugänglichen Kultur- und Flaniermeile im Schloss, Leben einzuhauchen. Schon jetzt ist klar, dass dieses Renommierprojekt der Stiftung durch Stellas Nord-Süd-Passage eine mächtige Konkurrenz bekommen hat. Am Ende werden die Besucher des Schlosses entscheiden, wo die wirkliche Agora liegt, unter dem Glasdach oder im transitorischen Raum zwischen den Portalen.

          Die Schwachstelle von Stellas Entwurf ist die Ostfassade. Über dem Spreeufer will der Italiener eine dreigeschossige offene Loggia errichten, die von einer Säulengalerie gekrönt wird. Aber dieses "Belvedere" wirkt wie angeklebt an den Baukörper, und seine Eintönigkeit erinnert eher an die Messehallen und Fabriken, die Stella seit 1970 in Norditalien gebaut hat, als an den eleganten Klassizismus seines Lehrers Aldo Rossi. Zudem fehlt in Stellas Schlossmodell der halbrunde Südostabschluss der Barockfassade, das einzige Motiv, das im Neubau noch an die vorbarocke, durch Türme gegliederte Erscheinung des Hohenzollernschlosses erinnern könnte. Eine Nachbesserung ist hier dringend notwendig, nicht nur aus kunsthistorischer Sicht.


          Ein Inhalt wird gesucht


          Je länger man Franco Stellas republikanisches Stadtschloss mit seiner Stülerkuppel und seinen Schlüterfassaden anschaut, desto deutlicher spürt man, dass das bauplanerische Dilemma des Architektenwettbewerbs mit diesem Entwurf zugleich gelöst und in aller Schärfe ausgestellt wird. Denn wie ein "Humboldt-Forum" sieht auch Stellas Schloss nicht aus, und die Frage, warum ein derartiges steinernes Großkompendium klassischer europäischer Baustile nur außereuropäische Kunst beherbergen darf, stellt sich jetzt noch dringlicher als zuvor.

          Die ideologische Verkrampfung, die die Debatte um das von der Preußenstiftung geplante Museum der Weltkulturen in den letzten Jahren beherrscht hat, könnte sich mit der Umsetzung des Siegerentwurfs lösen. Sicher ist, dass Berlin ein neues Wahrzeichen bekommt und dass dieses Wahrzeichen, anders als der Reichstag, die Siegessäule, das Kanzleramt und das Brandenburger Tor, ein kulturelles ist. Für welche Kultur es stehen soll, darüber muss man jetzt nachdenken. Das Schloss hat seine Form gefunden. Nun sucht es einen Inhalt.

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