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Historische Ausstellung : Da wird doch jeder emotional

Alles nur eine Frage der richtigen Empfindung? Ein Akt der Liebe waren die hier abgebildeten Proteste gegen den G-20-Gipfel in Hamburg jedenfalls nicht. Bild: Regina Schmeken

Die Berliner Ausstellung „Die Macht der Gefühle. Deutschland 19|19“ der Autorinnen Ute und Bettina Frevert presst hundert Jahre Geschichte in zwanzig Gefühlsbegriffe.

          Gefühle gehen immer. Die hat jeder. Die versteht jeder. Damit können alle etwas anfangen. Längst sind Emotionen Gegenstand ganzer Wissenschaftsindustrien. Psychologie, Ökonomie, Soziologie, Politik- und Geschichtswissenschaft haben eine umfassende Emotionsforschung zum Blühen gebracht, die bis heute auf großes Interesse stößt. Immer weniger geht es um den Gegensatz zwischen Rationalität und Emotionalität, zunehmend schwer hat es, wer die Relevanz von Gefühlen in Frage stellt. Gefühle und Stimmungen sind Bezugspunkt der Politik, immer schon gewesen, aber vielleicht noch nie so breit diskutiert wie jetzt.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Auf der Höhe der Zeit befinden sich so gesehen die Historikerin Ute Frevert und ihre Tochter Bettina Frevert, die in der politischen Bildung tätig ist. Sie sind die Autorinnen der Ausstellung „Die Macht der Gefühle. Deutschland 19|19“, die von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgegeben wird. Zwanzig Gefühlsbegriffe plakatieren derzeit die Wand im Berliner Atrium des Philip-Johnson-Hauses, darunter zentrale Emotionen wie Angst, Wut, Liebe und Hass, aber auch, weniger plausibel, Affirmationen wie Nostalgie, Solidarität oder Vertrauen.

          Emotionen auf Plakat: „Wut“ und „Angst“ dominieren den Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland.

          Das Prinzip ist auf jedem der Plakate dasselbe: Unter einem als Gefühl deklarierten Begriff werden hundert Jahre Geschichte abgebildet, von 1919 bis heute. Wie das geht? Man greife für jede Emotion ein großes Titelbild heraus, und zwar aus der Gegenwart, um die Betrachter, wie man so sagt, dort abzuholen, wo sie sind, und sechs historische Bilder, die in kleinerer Aufmachung darunter plaziert werden. Die Hintergrundfarbe aller Plakate ist gefühlsbetont in Pink gehalten. Und so ergibt sich zwangsläufig ein Sammelsurium der unterschiedlichsten Ereignisse, die nun plötzlich entkontextualisiert nebeneinander stehen, verbunden nur – das ist zumindest die Intention – durch die Emotion, die dort in großen Buchstaben abzulesen ist.

          Scham oder Schuld?

          Unter dem Wort „Scham“ ist zum Beispiel ein Foto abgebildet, auf dem Mitarbeiter der Drogeriemarktkette Schlecker nach deren Insolvenz ein Schild hochhalten: „Schämt euch, Schlecker-Clan!“ Darunter steht ein Foto aus einem KZ-Außenlager von 1945, neben dem Bild eines Grabsteins von Harun Sürücü, Opfer eines „Ehrenmords“ von 2005, und dem „Spiegel“-Titel mit dem Kniefall von Willy Brandt. Auf dem Plakat der „Hoffnung“ ist das bekannte Selfie eines Flüchtlings zusammen mit Angela Merkel zu sehen, ein Plattencover samt Liedzeile von Wolf Biermann, daneben ein Berliner Wahllokal von 1919.

          Die „Geborgenheit“, die nach Auskunft von Bettina Frevert besonders inklusiv sein soll, widmet sich ausschließlich geflüchteten Menschen. Unter dem „Hass“ versammelt sich die Schleyer-Entführung der RAF neben einem antisemitischen Bilderbuch von 1936, der „Neid“ vereint die Dokusoap „Die Geissens“ mit der Ausstellung „Der ewige Jude“ von 1937.

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