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Historische Ausstellung : Da wird doch jeder emotional

Auf jedem Plakat gibt es einen kurzen einführenden Text, der die Abbildungen zusammenzubringen versucht, locker geschrieben, aber alles andere als informativ. Die spärlichen Texte neben den historischen Bildern geben an, was darauf zu sehen ist, behaupten die Gefühle, erklären sie aber nicht. Auf diese Weise bekommt man den Eindruck, alles darauf Abgebildete sei gleichwertig. Die eingeforderte Scham für Betrug und Steuerhinterziehung bei Schlecker hätte demnach dieselbe Relevanz und denselben emotionalen Impuls wie das Betrachten von KZ-Bildern. So interessant die Untersuchung von kollektiven Gefühlen auch ist: Was die Autorinnen hier alles über einen Kamm scheren, ist schwindelerregend.

Wenn man den Gefühlshaushalt der politischen Geschichte schon so stark machen will, wäre es wenigstens erforderlich gewesen, dass die Gefühlszuschreibungen auch zu den Ereignissen passen. Geht es beim Kniefall von Brandt wirklich nur um Scham? Ist die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nicht eher eine Frage der Schuld? Ob das Selfie des Flüchtlings etwas mit Hoffnung zu tun hat, ist genauso fraglich. Das gilt auch für die moralische Unterteilung in gute und schlechte Gefühle. Gute Gefühle haben demnach die Geflüchteten, schlechte diejenigen, die sie nicht ins Land lassen wollen. Und die mit den schlechten Gefühlen sind natürlich nie „wir“, sondern immer die anderen.

Unscharf und ungenau

Die Plakate zeigten, dass das Land „weniger Wut und Angst, sondern mehr Leidenschaft für die Demokratie“ brauche, schreibt Schirmherr Heiko Maas in seinem Geleitwort. Die Ausstellung treffe einen Nerv der Zeit, sagt auch Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. In der Tat, aber das ist keineswegs ein Vorteil: Häppchengerechte Geschichtstafeln für Lesefaule, Visualisierung statt Inhalte, Reize statt Tiefe, „nicht so dröge“, wie Bettina Frevert sagt – all das wird hier geboten. Und das kommt gut an. Dreitausend Exemplare der transportablen Plakate stehen in verschiedenen Sprachen für Kultur- und Bildungseinrichtungen ab sofort zur Bestellung bereit. Eine möglichst große Reichweite ist das Ziel.

Ihren Bildungsanspruch aber löst die Ausstellung nicht ein. Denn man wird durch die Abbildungen – bestenfalls – unterhalten, ohne dabei etwas Wesentliches zu erfahren, wenn sie nicht sogar in die Irre führen. Das Nebeneinanderstellen einzelner Bilder, die aus ganz unterschiedlichen politischen Zusammenhängen und Zeiten stammen, suggeriert, alles hätte irgendwie miteinander zu tun, schließlich gab es all diese Gefühle früher schon, und vielleicht sind vor allem sie es, wie Ute Frevert sagt, die Geschichte machen. Auf diese Weise wird alles verwischt, die Vergangenheit wird unscharf und ungenau, wenn nicht sogar unwahr. Das ist umso problematischer, als das Material auch für den Schulunterricht vorgesehen ist, wo es doch gerade nicht darum gehen sollte, die Schüler zu noch weniger Gründlichkeit zu animieren.

Die Gesellschaft werde nicht schöner, wenn Gefühle unterdrückt werden, findet Andreas Görgen, Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt. Mag sein. Sie wird aber auch nicht schöner, wenn Gefühle dazu dienen, zu vereinfachen, wo dringend Differenzierung und Tiefgang nötig wäre.

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