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Berliner Kunst-Kontroverse : Der Provokateur hat es nicht schwer

  • -Aktualisiert am

Artur Zmijewskis Video „Fangspiel“ wurde jetzt überraschend aus einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau ausgeschlossen - erst einen Monat nach der Eröffnung. Eine tiefgreifende Diskussion blieb aus. Ein unerhörter Akt, denn der verantwortliche Intendant Gereon Sievernich hätte wissen müssen, was und wen er sich ins Haus holt. Hätte Argumente bereit halten müssen, warum sein Haus diese Position vertreten kann. Ein Thematisierung der Kritik wäre der einzig richtige Ansatz gewesen. Das Museum duckte sich weg.

Zusammen mit dem Künstler stolpern wir durchs Dunkle, Treppen hinab in den großen Ausstellungsraum der Berliner Kunstwerke. Es ist eine hohe Halle. Dort stand vor wenigen Monaten noch eine die hochpolitische Installation des spanischen Künstlers Iñigo Manglano-Ovalle: ein „Phantom Truck“, präsentiert nach einem Satellitenfoto der amerikanischen Armee, ein Kunstwerk, das nach zivilgesellschaftlichen Verantwortung in der Kunst sucht.

Mit Schützenhilfe der Occupy-Bewegung

Was will Artur Zmijewski mit der Biennale? Sie ist für ihn ein „Werkzeug“, um genau die erwähnte Verantwortung zu wecken. Die Menschen in Deutschland hätten keine Freiheit mehr zu reagieren, und der Rassismus würde immer größer. Was hat er vor? Er vermischt die Bereiche, lädt zum Beispiel einen ehemaligen Bürgermeister von Bogota, Antanas Mockus, ein, der als Sohn eines Bildhauers mit künstlerischen Strategien in den Slums seiner Hauptstadt versucht hat, Frieden zu stiften, Waffen gegen Spielzeug einzutauschen. „Weniger Menschen starben“, resümiert Zmijewski anerkennend. Dann setzt er nach: Mockus habe mittlerweile Parkinson und könne kaum noch sprechen, es sei ein schlimmer Anblick. Aber dem müsse man sich eben aussetzen. In diesem Schicksal kulminiert, was ihn fasziniert: das Leiden.

Etwas hat sich verändert in den vergangenen zwölf Monaten, seit Beginn der Arabellion: Aktivistische Kunstpraktiken sind ins Bewusstsein der Menschen zurückgekehrt. Sie sind ein fundamentales Kulturprinzip, und sie provozieren eine entscheidende Frage: Wie können wir die politische Themen in die Kunst bringen? Wie können wir Kunst in der Politik nutzen? Diese Diskussion ist erfreulich, sie wurde bisher für ihren Mut gelobt, dann aber auch wieder beiseite geschoben. Sie wurde belächelt, weil ihr oft das ästhetische Werkzeug fehlte.

Das ist auch heute nicht anders. Doch Politik und Kunst sind allerorten Thema - auch unterstützt durch die Occupy-Bewegung, die Artur Zmijewski auch bewusst in seine Biennale-Konzeption einbezieht. Er geht jedoch noch viele Schritte weiter. Er hat die Künstlergruppe Woina zu „assoziierten Kuratoren“ erklärt (siehe Artikel unten auf dieser Seite). Ist das die Richtung, in die die Kunst gehen sollte, angesichts der zunehmenden Bereitschaft zur Revolution in vielen Ländern? „Woina hat einen Job in Russland zu tun“, sagt Zmijewski, „die haben keine Angst“. Putin müsse aus dem Land gejagt werden.

Eines jedenfalls wird deutlich: Zmijewski hält nichts von Kunst, die sich hinter ästhetischen Formalien verschanzt, den Menschen zwar berührt, aber nichts ändert. Wie sieht er seine eigene Kunst? „Ich bin eben kein guter Junge, der versucht die Welt zu verbessern.“ Bislang war von ihm freilich nur Spektakel zu sehen. Ein schlauer Mann hat einmal gesagt: Nur wenn auf der kuratorischen Suche nach Material für bestimmte Dinge keine Kunstproduzierenden auffindbar sind, wird manchmal aus Verlegenheit so getan, als wäre die Unterscheidung zwischen Kunst und Nicht-Kunst überholt.

Diese Fluchtmöglichkeit nimmt Artur Zmijewski ins Visier. Was er uns wirklich zeigen wird, wissen wir erst, wenn die Biennale im April beginnt: Dann hoffentlich mehr als nur visuelle Randale. Zmijewski kommt jedoch bislang über die Provokation von Konfrontation nicht hinaus, er schafft nicht Erkenntnis, wie es die Aufgabe der Kunst wäre. Und in dieser Hinsicht gleicht er Thilo Sarrazin, der auch ausnutzte, dass er wusste, wo die sensiblen Punkte seines Publikums sitzen.

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