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Berliner Kulturpolitik : Rettet die Gemäldegalerie!

Vor drei Jahren erklärte Generaldirektor Michael Eissenhauer zu Schusters Umzugsplänen, es sei „im Moment“ niemandem verständlich zu machen, „für 50 Millionen Euro eine neue Gemäldegalerie bauen zu wollen und für den Umbau der alten 20 Millionen Euro zu brauchen“. Wohl wahr: Dies war der realistische Blick ins Portemonnaie. Jetzt aber greift der Berliner Planungsdilettantismus auch in der Kulturpolitik um sich. Man setzt Gemälde vor die Tür, die zum Kernbestand der Zeugnisse europäischer Kultur zählen. Man räumt Bilder aus dem öffentlichen Bewusstsein, die zu zeigen vielleicht gerade jetzt viel wichtiger wäre als aus dem um die Alten Meister herum entworfenen Bau ein weiteres aus Privatsammlungsbeständen zusammengestoppeltes Museum zur Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts zu machen.

Wozu dieser Gewaltakt gegen die wichtigste staatliche Sammlung Berlins? Dahinter steckt eine problematische Neudefinition museumspolitischer Prioritäten. Denn allein damit, dass die Gemäldegalerie zu weit vom Zentrum entfernt läge und an den (gar nicht so schlechten) Besucherzahlen schuld sei, lässt sich der Mammut-Umzug nicht begründen.

Es geht auch darum, noch mehr zwanzigstes Jahrhundert aus Privatsammlungen zu zeigen. Die Sammlung Pietzsch geht nur nach Berlin, wenn die Museen garantieren können, dass sie auch gezeigt werden kann. Diese Klausel sorgt für Druck. Die Verantwortlichen dürfen sich nicht wundern, wenn man ihre Entscheidung als Bekenntnis zu einer Idee von Museum, dessen Sammlung vom marktnahen Privatgeschmack einzelner Sammler und beratender Händler geprägt ist, liest - und als Absage an die Idee des Museums als Speicher kollektiver Diskussion und Reflexion der eigenen Kultur und als Abbild des Engagements vieler Bürger.

Das Problem ist nicht ihr Standort

Wobei es, auch das muss deutlich gesagt werden, unfair wäre, das großzügige Ehepaar Pietzsch gegen die Alten Meister in Stellung zu bringen. Pietzschs haben als Privatleute eine beachtliche Sammlung zusammengetragen, die eine großzügige öffentliche Präsentation verdient. Es ist nicht ihre Schuld, sondern Folge einer üblen Mischung aus hektischem Aktionismus und völliger Verantwortungslosigkeit der Berliner Kulturpolitik, dass nun ihre Sammlung zusammen mit umgetopften Teilen der Sammlung Marx die Alten Meister ins Abseits drängen soll.

Was tun? Das Problem der Gemäldegalerie ist nicht ihr Standort. Ihr Problem sind fehlende Werbung und ein missglückter, weil unsichtbarer Eingang. Man kann und muss viel mehr für die Alten Meister werben, und man muss die Außengestaltung verändern. Es gibt schon seit langem Pläne, den Buckel, der nur für Skateboardfahrer einladend ist, abzureißen und dem Haus einen weithin sichtbaren, markanten Eingang zu geben - und das Kulturforum, das kein Forum, sondern eine graubekieste, schütter begrünte Parkplatzsteppe ist, als Platz erfahrbar zu machen. Auch dafür wären die zehn Millionen Euro besser angelegt.

Aber das Vorhaben, große Teile der einmaligen Gemäldesammlung erst mal vor die Tür zu stellen, bevor man überhaupt eine angemessene Unterkunft hat, ist kulturpolitischer Irrsinn. Es setzt die Kopflosigkeit der Berliner Politik im Bereich des kulturellen Erbes fort - mit einer Museumspolitik, die am Ende eines der besten Museen der Welt zerstören würde.

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