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Berliner Kulturpolitik : Rettet die Gemäldegalerie!

Monument eines Bürgersinns

Die Wurzeln dieser einzigartigen Ansammlung bedeutender und weltberühmter Gemälde reichen zurück bis ins späte achtzehnte Jahrhundert, als der Archäologe Aloys Hirt die Gründung eines öffentlichen Berliner Bildungsmuseums der europäischen Kunstgeschichte forderte. 1815 kaufte Friedrich Wilhelm III. in Paris die Sammlung Giustiniani, die unter anderem einen Caravaggio enthielt. Wilhelm von Bode baute im späten neunzehnten Jahrhundert die Berliner Sammlung zu einer der wichtigsten Sammlungen für das italienische Quattrocento, Rembrandt und Rubens aus, er bewegte begüterte Privatsammler zu Schenkungen, darunter viele jüdische Mäzene wie den Industriellen James Simon, der unter anderem die Büste der Nofretete beisteuerte; aus dieser Perspektive zeigt sich die Berliner Sammlung auch als Monument eines Bürgersinns, den es hier so nicht mehr gibt - und als eine Erinnerung an eine Zeit, in der Museumsdirektoren nicht wahllos ganze Sammlungen ankauften, sondern sich erlesene Einzelstücke schenken ließen.

1998 wurde für die wiedervereinigte Sammlung ein eigener, von den Architekten Hilmer & Sattler und Albrecht entworfener Bau errichtet; einer der wenigen, der eigens um eine bestehende Sammlung herum entworfen wurde. So nichtssagend man den Eingang dieses Museums finden darf, der sich hinter einem seltsamen Buckel versteckt und eher an das Entree eines ostfriesischen Kreiswehrersatzamts erinnert, so einmalig ist die Architektur um Sichtachsen und kunsthistorische Bezüge herumgebaut. In den achtzehn Sälen und einundvierzig Kabinetten entfaltet sich eine klug mit zahllosen Bezugs- und Sichtachsen inszenierte Erzählung des Abendlandes in fast tausend Bildern, wie man sie so nirgendwo sonst findet. Es wurden keine Kosten gescheut, um den Alten Meistern ideale Bedingungen zu bieten, mit teuersten Wandbespannungen, samtartigen Stoffen, einer der aufwendigsten technisch baubaren Klimaanlagen und mit hinterlüfteten Gipskartonkonstruktionen, die das Eindringen von schädigender Wärme in die empfindlichen Gemälde verhindern.

Was brächte der Umzug auf die Museumsinsel?

Die Baukosten lagen damals bei 200 Millionen Mark, bei mehr als 25 000 Mark pro Quadratmeter. Diesen Luxusbau will man gerade mal vierzehn Jahre nach seiner Einweihung leer räumen, um ihn der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts widmen, die für ein Fünftel dieses Quadratmeterpreises gut präsentiert werden könnte - und die ganz andere Räume verlangt als die, die man für Botticelli und Rubens, Tizian und Dürer benötigt. Deshalb müssten nicht nur die Stoffbespannungen verschwinden, sondern auch zahlreiche Wände. Es ist ein wenig, als würde man einen Rolls-Royce zum Gemüsetransporter umbauen wollen; es liegt eine typisch Berliner Mischung aus Verantwortungslosigkeit und Großkotzigkeit darin, auf diese Weise Werte zu vernichten und mit nicht vorhandenem Geld um sich zu schmeißen.

Was brächte der Umzug der Gemäldegalerie auf die Museumsinsel? Nach aktuellen Plänen würde sie gar nicht auf, sondern in großen Teilen neben die Insel aufs alte Kasernenareal ziehen, das mit einer Brücke angedockt würde. Für den Umbau der Kasernen fehlt aber das Geld. Ob er je bewilligt wird, ist bei den Summen, die das Stadtschloss, die Sanierung der Neuen Nationalgalerie und andere Projekte verschlingen werden, mehr als fraglich.

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